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Präzisionsernährung: Was ist das, Wie und Wozu wird’s gemacht


was ist präzisionsernährung

Bisher ist die Idee der Präzisionsernährung nur ein Zukunftsmodell. Dieses soll die Präventions- und Behandlungsmaßnahmen zukünftig im Sinne einer individualisierten Präzisionsmedzin verbessern. Ob das Konzept jemals der breiten Bevölkerung zugute kommen kann, ist jedoch aus verschiedenen Gründen fraglich. Möglicherweise kann aber die Behandlung verschiedener ernährungsbedingter Erkrankungen durch die Präzisionsernährung verbessert werden.

Was ist Präzisionsernährung: Definition und Bedeutung

Im englischen Sprachraum ist die Rede von „precision nutrition“. Bisher ist dieser Bereich der modernen Ernährungsmedizin allerdings noch ein Testfeld. Es gehört in den Bereich der Präzisionsmedizin und wird in den USA von den „National Institutes of Health“ als Zukunftsmedizin angesehen. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Forscher und Mediziner die Möglichkeiten und Folgen der Präzisionsernährung besser abschätzen können.

Beim Oberbegriff der Präzisionsmedizin geht es darum, die Behandlung von Erkrankungen zu personalisieren. Der Plan ist, sie stärker auf das Individuum auszurichten statt jeweils eine Standard-Behandlung einzuleiten. Die Präzisionsernährung würde die Therapie mit einer entsprechenden, speziell auf das betroffene Individuum ausgerichteten Ernährung unterstützen. Interessant ist an der Präzisionsernährung, dass sie auch bereits im Vorfeld bestimmter chronischer Erkrankungen dafür sorgen könnte, dass diese nicht oder nicht in voller Ausprägung ausbrechen.

Die Präzisionsernährung berücksichtigt – ebenso wie der Ansatz der Präzisionsmedizin – die individuellen Gegebenheiten beim Patienten. Sie betrachtet beispielsweise charakteristische Merkmale seiner DNA, geschlechtsspezifische Risiken, die bisherige Krankheitsgeschichte oder die Lebensumstände und Gewohnheiten.

Ziel dieses Ansatzes ist es, durch die Präzisionsernährung risikolosere und effektivere Präventivmaßnahmen oder Behandlungsstrategien zu entwickeln. Die Präzisionsernährung geht davon aus, dass jeder Mensch wegen seines individuellen Genoms, seines einzigartigen Stoffwechsels und seines individuell zusammengesetzten Darmbioms unterschiedlich auf bestimmte Nahrungsmittel oder Nährstoffe reagiert.

Daraus folgt, dass die Nahrung für jeden chronisch kranken oder von chronischer Krankheit bedrohten Menschen aufgrund dessen spezieller Stoffwechselbedingungen zusammengestellt sein müsste. Wegen der individuellen Zusammensetzung des Darmbioms – bestehend aus mehreren Milliarden guten und schlechten Mikroorganismen – müsste jeder auch zu Präventionszwecken eine ihm angepasste Ernährung verordnet bekommen. Das bedeutet jedoch am Ende, dass die Ernährungsweise jedes Menschen vollkommen individuell ausgerichtet werden müsste.

Das Konzept der Präzisionsernährung ist darauf ausgerichtet, persönliche Vorlieben links liegen zu lassen. Damit sollen die individuellen Bedürfnisse des Organismus in den Fokus gestellt werden und mehr Gewicht erhalten als bisher. In gewisser Weise ist unsere Ernährungsweise aber von Natur aus individuell.

Wir wachsen mit einer bestimmten Ernährungsweise und bestimmten Vorlieben und Abneigungen auf. Üblicherweise folgen die meisten Menschen später eher ihrem Appetit oder ihren Geschmacksvorlieben. Sie essen außerdem aus Langeweile, Stress oder Frust. Sie haben plötzlich Hunger und essen meist das, worauf sie gerade Lust haben. Der Blick gilt dabei aber nur selten den gesundheitsförderlichen Nährstoffen oder den Bedürfnissen des Organismus.

Zudem folgen wir oft einer Diät, die eine Bekannte von uns erfolgreich zum Gewichtsverlust verholfen hat. Wir essen kein Fleisch mehr, weil die Massentierhaltung uns sauer aufstößt oder weil wir unseren ökologischen Fußabdruck verkleinern möchten. Gemäß der Konzepte der Präzisionsernährung müssten solche Gründe für die Wahl oder den Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel fallen gelassen werden.

Die Bedürfnisse der Darmbakterien wären wichtiger als unsere eigenen. Denn: Die Zusammensetzung des Darmbioms definiert, wie gut die Aufnahme der Nährstoffe sein kann. Sie entscheidet über die Qualität unseres Immunsystems. Sie beeinflusst außerdem, ob jemand mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Verdauungsproblemen oder Allergien belastet ist.

Die Mikroben im Darm spielen also eine wichtige Rolle für die Gesundheit insgesamt. Unsere Ernährungsweise sollte gemäß der Vorgaben der Präzisionsmedizin zukünftig so gesundheitsförderlich wie möglich sein.

Wie wird Präzisionsernährung umgesetzt?

Der Fokus der Präzisionsernährung – die auch als personalisierte Ernährung bezeichnet werden kann – liegt auf dem Individuum. Das würde bedeuten, dass ein Ernährungs-Wissenschaftler keine allgemeinen Ernährungsempfehlungen mehr abgeben könnte. Diese berücksichtigen weder die Individualität des Stoffwechsel, des Darmbioms oder andere individuelle Gegebenheiten des menschlichen Körpers. Danach strebt aber die Präzisionsernährung. Zwar haben die allgemeinen Ernährungsempfehlungen bekanntlich einen allgemein hohen Nutzen. Das haben zahlreiche Studien belegt. Schon der Verzicht auf zu viel Zucker, zu viele Fette oder Proteine kann einen präventiven Charakter haben.

Ernährungsmediziner haben jedoch in anderen Studien festgestellt, dass es substanziell unterschiedliche Reaktionen auf Nahrungsmittel gibt, wenn man bei Studien-Probanden nach einer absolut identischen Mahlzeit bestimmte Blutwerte auswertet. Auch die Zusammensetzung des Mikrobioms wird durch dieselbe Mahlzeit individuell beeinflusst.

Selbst Begleitfaktoren wie die Schlafdauer und -tiefe, die tägliche Bewegungsfrequenz oder die Essenszeiten beeinflussen individuell, was aus ein und derselben Mahlzeit auf gesundheitlicher Ebene folgt. Die Glukose- oder Triglycerid-Werte im Blut unterscheiden sich von Proband zu Proband. Die Forscher zogen daraus den Schluss, dass ein Individuum Nutzen daraus ziehen könnte, durch eine auf seine Bedürfnisse ausgerichtete Ernährung mehr Wohlbefinden und anhaltende Gesundheit zu erleben.

Jenseits aller allgemeinen Ernährungsempfehlungen – an die sich im Übrigen kaum jemand sklavisch hält – müsste demnach die Ernährung viel stärker Rücksicht auf die individuellen Gegebenheiten nehmen. Damit könnten die Prävention und die Behandlung von Erkrankungen gemäß der Annahme der Ernährungsmediziner verbessert werden. Selbst einem medizinischen Laien erschließt sich, dass die praktische Umsetzung dieser Vorgaben schwierig werden könnte.

Wozu dient Präzisionsernährung

Der Ansatz der Präzisionsernährung dient – zumindest in den USA – der Verbesserung der Prävention und der Behandlung verschiedener Erkrankungen. Diese müssen jedoch durch eine individualisierte Ernährungsumstellung profitieren können.

Präzisionsernährung mit Blick auf verschiedene Erkrankungen

Der Nutzen einer individualisierten Ernährungsweise trifft auf relativ viele Erkrankungsbilder zu. Übergewichtige, Diabetiker oder Menschen mit hohen Triglycerid-Werten, Gluten-Allergiker und viele andere könnten tatsächlich von einer Präzisionsernährung profitieren. Tatsächlich bedienen sich bereits viele Menschen einer Art von Präzisionsernährung, indem sie beispielsweise wegen entsprechender Unverträglichkeiten Gluten, Milcheiweiß (Laktose) oder Phenylalanin wegen einer Phenylketonurie meiden.

Noch steckt die Idee der Präzisionsernährung jedoch in den Kinderschuhen. Es ist zu früh, sie gezielt zur Behandlung von bestimmten Erkrankungen einzusetzen oder zu Präventionszwecken zu nutzen. Es geht derzeit eher um die Bewertung (Evaluierung) eines möglichen Nutzens der Präzisionsernährung für die breite Bevölkerung. Dennoch befassen sich bereits verschiedenen Studien mit dem Nutzen der Präzisionsernährung für Adipositas-Betroffene, Menschen mit Diabetes Typ 2, Betroffene mit dem Metabolischen Syndrom sowie Menschen mit ernährungsbedingten Krebsarten.

Am Beispiel Diabetes Typ 2 soll kurz demonstriert werden, wo der Nutzen der Präzisionsernährung liegen könnte. Bisher wurden Diabetiker anfangs mit mehr Bewegung, Gewichtsabbau und einer kohlehydratärmeren Ernährung behandelt. In späteren Stadien werden Medikamente bzw. Insulin verordnet. Der Ansatz der Präzisionsernährung wäre es, die DNA zu betrachten, um die Nährstoffverwertung zu untersuchen und den Nutzen einer speziellen Diät zu ermitteln. Die Untersuchung der „metabolischen Signatur“ wäre der nächste Schritt. Dabei geht es um die individuelle Verstoffwechselung und die Qualität der Nahrungsverwertung. Diese beeinflusst ebenso wie die Ernährungsgewohnheiten, wie hoch das individuelle Risiko für Diabetes Typ 2 ist.

Der Blick auf die Zusammensetzung der Darmflora wäre ebenso wichtig. Diese entscheidet darüber, wie schnell Glukose oder Nahrungsfette ins Blut übergehen. Die Vertreter einer Präzisionsernährung würden dann eine Diät entwickeln, die diese Faktoren berücksichtigt. Der Ernährungsplan müsste so zusammengestellt werden, dass er die Zusammensetzung der Darmmikroben zweifelsfrei verbessert. Dadurch würde sich auch die Verwertung von Fetten oder Glucose ändern. Die Blutzucker- und Blutfettwerte würden in der Folge sinken.

Präzisionsernährung mit Blick auf verschiedene Genuss- und Nahrungsmittel

Im Rahmen der Präzisionsernährung wird auch die Antwort eines Organismus auf einzelne Nahrungsmittel oder Genussmittel untersucht. Die DNA beeinflusst beispielsweise, wie jemand auf Genussmittel wie Kaffee reagiert.

Manche Menschen können Kaffee tassenweise über den Tag verteilt trinken. Andere Personen reagieren empfindlich auf Koffein. Sie erleben bei weit niedrigeren Koffeindosen eine Art Rausch mit Herzrasen, innerer Unruhe und Unwohlsein. Die im Kaffee enthaltenen Pflanzenstoffe sorgen bei jedem Menschen für unterschiedliche Reaktionen.

Amerikanische Forscher fanden heraus, dass die Gene in jedem Organismus beeinflussen, wie intensiv oder schwach der Mensch auf Kaffeegenuss reagiert. Das Genom beeinflusst beispielsweise, wie langsam oder schnell das Koffein in den Blutkreislauf aufgenommen wird. Außerdem beeinflussen die Gene die Risiken für Entzündungen oder bestimmte Erkrankungen.

Daraus entwickeln die Mediziner, die sich mit Präzisionsernährung befassen, eine Diät, die je nach individueller Verträglichkeit mehr oder weniger Kaffee bzw. Koffein beinhaltet. Ähnliche Untersuchungen werden mit Bezug auf den individuellen Salz– oder Fettkonsum vorgenommen. Bisher haben sich aber aus den Ideen der Präzisionsernährung keine umsetzbaren Ansätze erstellen lassen, die der breiten Bevölkerung von Nutzen sein könnten. Verschiedene Probleme und Herausforderungen müssten erst gelöst werden, bevor aus diesem ernährungsmedizinischen Ansatz mehr werden kann.

Herausforderungen und Probleme der Umsetzung

Es mangelt beispielsweise noch an ausreichenden Langzeitstudien zu verschiedenen Themen mit ausreichend hohen Probandenzahlen. Zudem müssten teure Technologien für DNA- und Genom-Untersuchungen, ernährungsbezogene Bluttests und komplexe Darmbiom-Analysen zum Einsatz kommen. Es müsste für jede Diät ein spezieller Algorithmus entwickelt werden. Die Effektivität einzelner Maßnahmen müsste als Präventionsmaßnahme oder als Behandlungsoption erwiesen sein. Dazu sind viele weitere Studien notwendig.

Zudem mangelt es derzeit an verlässlichen Testverfahren, die eindeutige Ergebnisse erzielen. Es existieren zwar schon verschiedene Testverfahren. Diese erbringen aber aufgrund ihrer Eigenheiten oder Mängel unterschiedlich gute Ergebnisse. Es wäre außerdem vonnöten, sämtliche eingebundenen Mediziner und Diätassistentinnen sowie das Klinikpersonal in den Grundlagen der Präzisionsernährung auszubilden.

Die gesamte Behandlung müsste individuell auf den Patienten abgestimmt werden. Das verlangt einen interdisziplinären Ansatz, der aus Kostengründen oder organisatorischen Gründen derzeit so nicht umgesetzt werden kann. Außerdem müsste ethischen und rechtlichen Aspekten Aufmerksamkeit entgegengebracht werden.

Der hohe Kostenfaktor einer individualisierten Behandlung könnte zudem zu Ungleichbehandlungen führen. Je nach Besitzstand oder Krankenkasse könnten manche Patienten von der Präzisionsernährung profitieren, andere aber nicht. Trotzdem ist der Ansatz der Präzisionsernährung interessant. Zum einen wird die Ernährungsmedizin bisher generell viel zu wenig in Behandlungsstrategien eingebunden.

Das Interesse an den Möglichkeiten der Präzisionsernährung könnte das ändern. Zum anderen ist längst bekannt, dass die Ernährungsweise das Entstehen bestimmter Erkrankungen begünstigt. Sie kann außerdem die Symptomatik und die Heilungsaussichten beeinflussen. Wichtig ist die Erkenntnis: Die Ernährung kann jeweils nur so gesundheitsförderlich sein, wie die Gene, der individuelle Stoffwechsel oder die Zusammensetzung des Darmbioms es erlauben.

Auch wenn es bereits viele Studien zu ernährungsbezogenen Themen gibt, ist noch lange nicht alles erforscht, was möglich wäre. Studien zur metabolischen „Signatur“ einzelner Lebensmittel fehlen ebenso wie solche, die den Nutzen von bestimmten Lebensmitteln oder deren Komponenten bei bestimmten Erkrankungen beinhalten. Der Präzisionsernährung werden trotz aller noch offenen Fragen große Chancen eingeräumt, zum Erkenntnisprozess beizutragen.

Dennoch sagen Forscher, dass die allgemeine Gesundheitsvorsorge und die Verbesserung der Therapiemöglichkeiten immer wichtiger sein müssten als eine individualisierte Medizin. Die allgemeine Gesundheitsvorsorge nützt der Gesamtbevölkerung. Die Konzepte der Präzisionsernährung kämen vorerst nur einigen Individuen zugute.