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Was bedeutet Agrarkrieg: Ursachen, Bedeutung und Folgen


Als Agrarkrieg wird eine Kriegsform bezeichnet, in der Agrarprodukte als strategische Waffe eingesetzt werden. Dies geschieht, indem eine Kriegspartei die Bevölkerung des Feindes von Nahrungsmitteln oder von Mitteln zur Nahrungsproduktion abschneidet. Im Zeitalter der Globalisierung können zudem Nationen, welche Agrarprodukte exportieren, angegriffen oder geschwächt werden, so dass eine Verknappung auf dem Weltmarkt entsteht. Diese Verknappung führt dann zu einer Preisexplosion für Agrarprodukte – wodurch ärmere Lände – welche bei diesen Preisanstieg nicht mithalten können – von Hungersnot bedroht sind.

Wie entstehen Agrarkriege

Im Zeitalter der Globalisierung sind die Märkte verschiedener Länder abhängig voneinander. Das gilt auch für die Lebensmittelversorgung. Denn die Landwirtschaft der globalisierten Welt ist zu einer ökonomischen Kette verbunden, welche die Grundversorgung der Weltbevölkerung garantieren soll. So werden in Flächenstaaten, welche aufgrund einer geringeren Bevölkerungsdichte nur wenig Wohnraum beanspruchen, großflächig Ackerflächen betrieben. Das dort angebaute Getreide wird weltweit exportiert und in anderen Staaten zu Brot, zu Mehl oder anderen Lebensmitteln veredelt. Wird diese Kette gestoppt, wie es aufgrund eines Krieges passieren kann, droht das Ausbleiben lebensnotwendiger Ressourcen.

Die Agrarwirtschaft wird deshalb auch gezielt als Kriegswaffe eingesetzt. Das systematische Zurückhalten landwirtschaftlicher Erträge hat drastische Folgen für die Bevölkerung. Im schlimmsten Fall droht eine Hungersnot. Agrarkriege gelten als eine der schärfsten und inhumansten Kriegswaffen, mit dem Ziel den Gegner durch hohen Druck und viel menschliches Leid in die Knie zu zwingen.

In der Nacht zum 24. Februar 2022 startete Russland, angeführt vom russischen Präsidenten Wladimir Putin, einen Angriffskrieg auf die Ukraine, der nicht nur die politische und soziale Welt erschüttert hat, sondern auch die Ökonomie und Weltwirtschaft. Während die sozialen Folgen schnell spürbar sind, machen sich die wirtschaftlichen Auswirkungen erst später bemerkbar. Denn auch der Agrarsektor könnte, aufgrund der Exportstellung der Ukraine, zur Kriegswaffe werden.

Wie entwickeln sich Agrarkriege

Im Jahr 2022 ist die Ukraine einer der Hauptexporteure von Weizen weltweit. Zu diesem Zeitpunkt deckt die Ukraine zusammen mit Russland 30 Prozent der weltweiten Weizenexporte ab. Ebenfalls hoch sind die Weltmarktanteile beider Länder beim Export von Mais, Gerste und Sonnenblumenöl.

Der russische Angriff auf dem Gebiet der Ukraine zielte auf wichtige Hafenstädte ab, darunter die Stadt Odessa. Der Hafen der umkämpften Stadt wurde gleich zu Beginn des Krieges geschlossen und wurde dann ausschließlich für militärische Zwecke genutzt. Die zahlreichen Exportcontainer des Hafens mussten Verteidigungsmaterial weichen und drohen im Verlauf des Krieges zerstört zu werden. Weizen und anderes Getreide konnte deshalb von Odessa nicht mehr exportiert werden, wodurch es zu einer Verknappung auf dem Weltmarkt kommt.

Bleiben Weizenlieferungen aus, bedeutet das für den weltweiten Agrarsektor eine drastische Umstellung. Landwirte können ihre Tiere nur noch zu hohen Kosten mit Nahrung versorgen und das spiegelt sich direkt in den Preisen im Supermarkt wider. Der Brotpreis könnte ebenfalls sprunghaft ansteigen. Als Folge dieser Krise können die Kosten aller anderen Lebensmittel ebenfalls ansteigen, da durch zu wenig Mais, Gerste oder Weizen – andere Nahrungsmittel stärker gekauft werden und dann der selben Knappheit unterliegen.

Noch drastischer aber könnten die Folgen für Länder des Mittleren Ostens, Nordafrika und anderen Teilen Afrikas sein. In diesen Ländern wird fast der gesamte Weizenvorrat aus Russland und der Ukraine importiert. Die Möglichkeit, den Stopp der Einfuhr aufgrund des Krieges in der Ukraine auszugleichen, gibt es in diesen Regionen kaum. Viele Menschen in den betroffenen Regionen litten bereits bevor dem Krieg unter einer Mangelversorgung.

Gleichzeitig könnte das weiter exportierende Land, in diesem Fall wäre dies Russland, zum Brotgeber der Welt werden. Denn eine bevorstehende Hungersnot in der Dritten Welt entwickelt sich zu einer humanitären Katastrophe, wodurch das agrarproduzierende Land an Einfluss gewinnen könnte, diese Knappheit managen kann und somit zu Versorgung beiträgt. Diese Abhängigkeit könnte das Land nutzen, um Einfluss auf die abhängigen Staaten auszuüben und den Machtbereich somit strategisch ausweiten. Somit könnte sich eine der Kriegsparteien in einem Agrarkrieg, ihren Einfluss nutzen, um sich langfristig als Bekämpfer des Welthungers auszugeben.

Folgen des Agrarkrieges

Die negativen Folgen eines Kriegs sind immer in zahlreichen Teilen der Welt deutlich spürbar. Falls die Weltgemeinschaft es nicht schafft, die fehlenden Exporte auszugleichen, könnte eine weltweite Hungersnot drohen und die Zahl der hungernden Menschen auf über 100 Millionen ansteigen lassen.

Von leeren Regalen in Industriestaaten (USA, Westliche Welt, Demokratien in Asien) ist meistens nicht auszugehen, denn diese können Versorgungssicherheit aufgrund ihrer Wirtschaftsstärke herstellen. Dennoch steigen die Lebensmittelpreise unmittelbar als Folge solcher Krisen, was insbesondere Personen und Familien mit niedrigem Einkommen hart treffen kann. Die Gefährdung des sozialen Friedens führt dann dazu, dass die Bereitschaft zur Solidarität mit ärmeren Ländern sinkt, wodurch sich die Katastrophe weiter ausbreitet und die ursprüngliche Konfliktpartei – welche weiterhin Agrarprodukte exportiert – zusätzlichen Einfluss auf diese Staaten gewinnt.

Dieser Einfluss kann dann dazu führen, dass bei Abstimmungen internationaler Gremien – wie den Vereinten Nationen, welche Konflikte außerhalb von Landesgrenzen lösen sollen – eine Manipulation bzw. Korrumpierung stattfindet.

Agrarkrieg als strategische Waffe

In agrarabhängigen Staaten sind die Folgen eines Agrarkriegs sofort sichtbar. Denn die Preisexplosion kommt über Nacht und sorgt dafür, dass Staaten mit hohen Agrarimporten einen deutlich angestiegenen Preis zahlen müssen. Und das angegriffene Land, welches als Exportweltmeister bei bestimmten Agrarprodukten galt, wird mittelfristig auf Exporteinnahmen verzichten und muss stattdessen nach Kriegsende nötige Infrastrukturen wieder aufbauen. Dies dauert mitunter Jahre, vielleicht Jahrzehnte. Somit wird bei einem Agrarkrieg nicht ein Land geschwächt, sondern alle Länder – welche von den Agrarprodukten dieses Landes abhängig waren.

Flüchtlingskrisen und Werteverschiebungen

Wo Hunger herrscht, streben die Menschen danach das Land zu verlassen. Das kann bei der unmittelbaren Kriegsführung strategisch eingesetzt werden, um Flüchtlingsströme auszulösen und auch dazu, die Bevölkerung derart zu schwächen, dass sie sich ergibt. Länder, welche von einer überlegenden Kriegsmacht eingenommen werden, nutzen zudem oft Guerillataktiken.

Bei dieser Form der Kriegsführung werden mit minimalen Einsatz Sabotageakte vollbracht, um die Übermacht in einen langandauernden Krieg zu verwickeln. Denn das Zurückdrängen oder die Verteidigung des Landes funktioniert, aufgrund der militärischen Unterlegenheit, nicht bzw. nur bedingt. Deshalb verwickelt man den Gegner in einen langanhaltenden Kampf, schneidet diesen von der eigenen Versorgung (z.B. Benzinversorgung für Panzer) ab und hofft darauf, dass dieser aufgibt. Für einen Guerillakrieg benötigt man allerdings die Unterstützung der Bevölkerung, welche den eigenen Kämpfern dann Unterschlupf gewähren, den Feind ablenken oder durch Barrikaden zu Routenänderungen zwingen sollen.

Der Erfolg so einer Kriegsführung ist unmittelbar mit dem Einsatzwillen der Bevölkerung verknüpft. Falls die Einheimischen von alltäglich benötigten Ressourcen – wie Strom, Wasser, Nahrung – abgeschnitten werden, sinkt die Kampfmoral. Dies führt zu Flüchtlingsströmen aus dem Kriegsland.

Durch einen Agrarkrieg kommt es aber auch zu Flüchtlingsbewegungen aus anderen Ländern, welche sich die Agrarprodukte zu überhöhten Preisen nicht leisten können. Weizen, Gerste, Mais und anderes Getreide wird am Weltmarkt gehandelt. Somit wird der Preis über Angebot und Nachfrage bestimmt. Sinkt die Angebotsmenge, aufgrund eines Exportrückgangs aus dem Kriegsgebiet, steigt der Preis automatisch an. Außerdem erkennen Teilnehmer am Weltmarkt, dass bestimmte Güter knapp werden und kaufen dann Vorräte auf. Somit steigt die Nachfrage bei begrenzten Angebote an und sorgt für eine sprunghafte Preissteigerung, welche man als Preisexplosion bezeichnet.

Und Länder, welche Getreide zum Weltmarktpreis nicht mehr kaufen können, droht eine lang andauernde Unterversorgung. Die Staaten, in denen Humanität und Moral unmittelbar mit Erziehung, Staatswesen und Weltbild verbunden sind, müssen sich nun auf ihre Wertvorstellungen besinnen und für diese ärmeren Länder einen Ausgleich schaffen bzw. diese durch die Agrarkrise helfen.

Dadurch werden humanitäre Staaten gezwungen sein, die Agrarkrise nicht nur im eigenen Land zu bekämpfen, sondern auch von Hunger bedrohten Menschen eine Zuflucht zu ermöglichen. Besonders betroffen sind dann Staaten der Europäische Union und die USA, welche sich für ihre Menschlichkeit und Humanität rühmen, wodurch deren Wertebild auf eine harte Probe gestellt wird. Denn innerhalb dieser Staaten herrscht die Vorstellung, dass Demokratie, Toleranz, Individualismus und Freiheit des Einzelnen unberührbare Werte sind, welche geschützt und verteidigt werden müssen. Dieses Menschenbild bzw. dieser Gesellschaftsentwurf ist nicht auf die eigene Bevölkerung beschränkt, sondern gilt für alle Menschen auf der Erde. Schließlich geraten diese Staaten nun unter enormen Druck, die eigenen Wertvorstellungen aufrechtzuhalten, indem man weltweite Hilfe anbietet und nicht nur signalisiert.

Machtverschiebungen und Konkurrenzdruck

Kriege werden oftmals durch Autokratien ausgelöst. Dies sind Länder, in denen die Staatsgewalt bei nur einer Person liegt. Demnach regiert dort eine Person, welche mit dem Staat gleichgesetzt wird. Dadurch wirken Autokratien oftmals als sehr starker Staat, da alle Eigenschaften des Regierenden direkt mit dem Staat verknüpft werden. Deshalb betreiben Autokraten oftmals Eigenwerbung, präsentieren sich als besonders mächtig, sportlich oder weltoffen – wodurch diese Eigenschaften direkt auf den ganzen Staat abfärben. In Demokratien, in denen jede Regierungsentscheidung eine Mehrheit bedarf, ist eine aggressive Kriegsführung nahezu unmöglich.

Außerdem existiert in Autokratien anstelle von Individualismus ein Kollektivismus. Das Individuum steht demnach nicht im Mittelpunkt, sondern die Gemeinschaft. Für viele Flüchtlinge wirken diese Staaten unattraktiv und werden deshalb als Zufluchtsort ungern genutzt. Falls diese Staaten dann noch Kriegspartei in einem Agrarkrieg waren, werden Betroffene keineswegs in diese Staaten flüchten. Somit müssen andere Wertegemeinschaft, wie die westliche Welt, das Problem allein lösen.

In diesen Wertegemeinschaften kann mittelfristig eine Unruhe entstehen, welche den sozialen Frieden und das Festhalten an Wertvorstellungen bedroht. Denn die hohen Agrarpreise und Flüchtlingsströme führen zu einer Belastungsgrenze für die Bevölkerung. Und schließlich können Autokratien diesen Unmut strategisch nutzen, um die eigene Überlegenheit ihres Regierungssystems – gegenüber der Demokratie zu demonstrieren, eine Werteverschiebung anzustreben, um mittelfristig diese Staaten zu destabilisieren, wirtschaftlich zu ruinieren oder zu diffamieren.

Agrarkriege in der Geschichte

Insbesondere im Mittelalter war es bei Kriegen nahezu üblich, dass die Bevölkerung während eines Krieges an der so wichtigen Landwirtschaft und am Handel gehindert wird. Das Phänomen des Aushungerns und Belagerns der Bevölkerung ist keineswegs neu, schien aber lange ein Relikt der düsteren Vergangenheit zu sein. Dabei wurden auch die letzten beiden großen Kriege in Europa, der Erste und Zweite Weltkrieg, auch im Agrarsektor geführt.

Schon kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden in Deutschland die Nahrungsmittelvorräte durch eine britische Handelsblockade knapp. Sowohl Importe als auch Exporte waren für Deutschland nicht mehr möglich und darauf war das Land nicht vorbereitet. Ein weiterer Faktor war, dass Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft zum Dienst an der Waffe eingezogen wurden, wodurch diese bei der Produktion fehlten. Dies ist ein üblicher Vorgang, der sich immer wieder in Agrarkriegen abzeichnet. Während des Ersten Weltkriegs führte das zu Not, Mangel und Hunger bei der Bevölkerung in Deutschland.

Während des Zweiten Weltkriegs strebten die Nationalsozialisten nach vollständiger Selbstversorgung und beuteten dafür Zwangsarbeiter aus. Auch heute müssen Länder, welche sich auf einen Krieg vorbereiten, damit rechnen, von der Weltversorgung abgeschnitten zu werden. Deshalb wird im Vorfeld des Krieges der Agrarsektor soweit ausgebaut, dass man die Bevölkerung mit Lebensmitteln allein versorgen kann. Im Dritten Reich gelang die Selbstversorgung dennoch nicht. Und in anderen Ländern sorgten die Nationalsozialisten durch gezielte Blockaden von Städten für Hunger, Tod und Elend. Bekanntestes Beispiel dafür ist die Belagerung von Leningrad (Sankt Petersburg) bei der insgesamt 750.000 Menschen starben, die große Mehrheit durch Verhungern.

Schutzmaßnahmen gegen einen Agrarkrieg

Großflächige Länder mit geringer Bevölkerungsdichte, wie zum Beispiel Russland, können großflächig Ackerflächen bestellen. Somit können diese Staaten ihren Agrarsektor weitestgehend unabhängig machen. Laut dem russischen Ministerium sei die Grundversorgung der Bevölkerung in Russland in den Bereichen Getreide, Milchprodukte, Fisch und Fleisch gedeckt. Dies ist auch wichtig, da Russland aufgrund seiner kriegerischen Auseinandersetzungen im 21. Jahrhundert oftmals mit Embargos oder Sanktionen des Westens belegt wurde. Als Folge dieser Beschneidungen machte sich Russland unabhängig und kann Agrarpolitik als strategisches Instrument nutzen, um Einfluss als Brotgeber auszuüben.


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