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Die Belagerungen von Byzanz, Konstantinopel und Istanbul


Byzanz, das heutige Istanbul, hat eine Jahrtausende alte Geschichte, die bis in die griechische Antike zurückreicht. Es waren Dorer, Griechen aus Makedonien und dem nordwestlichen Griechenland, die um 660 v. Chr. herum die Stadt als griechische Kolonie Byzantion gegründet haben. Die Lage war äußerst günstig gewählt, am Bosporus zwischen dem Marmarameer und dem Mittelmeer. Hier kreuzten sich die Handelswege über Land von Kleinasien nach Europa und mit dem Schiff vom Mittelmeer im Westen zum Schwarzen Meer im Osten.

Byzanz war vom Tag seiner Gründung an aus wirtschaftlicher und damit einhergehend auch aus militärischer Sicht ein begehrter Standort. Die Stadtlage ermöglichte eine Kontrolle des wichtigen Seehandels und war aus militärischer Sicht strategisch von außerordentlich großer Bedeutung.

Eine kurze Stadtgeschichte

Unter dem römischen Kaiser Vespasian (69-79) wurde Byzantion als Byzantium in das Römische Reich eingegliedert. Als Strafaktion wegen der Unterstützung eines Rivalen ließ der Kaiser Septimius Severus (193-211) die Stadt im Jahr 196 zerstören. Unter dem Kaiser Caracalla (211-217) wurde sie wieder aufgebaut, nur um dann keine fünfzig Jahre später, im Jahr 258 von den Goten geplündert und wieder zerstört zu werden. Ab 326 ließ der römische Kaiser Konstantin I. (306-337) Byzantium zu seiner neuen Hauptresidenz und einem „neuen Rom“ („Nova Roma“) ausbauen und 330 als Constantinopolis einweihen.

Der Grund für die riesigen Investitionen in die Stadt war die wachsende Bedeutung des Oströmischen Reiches. Rom, die eigentliche Hauptstadt, war zu weit entfernt, um die Verwaltung des riesigen östlichen Gebietes adäquat verwalten zu können. Das Römische Reich wurde aber 395 in Westrom und Ostrom geteilt. Rom blieb die Hauptstadt des Weströmischen Reiches, Konstantinopel wurde Hauptstadt des Byzantinischen bzw. Oströmischen Reiches. Zwei Reichshälften, zwei Kaiser. Von der Reichsteilung 395 bis ins Jahr 1453 blieb Konstantinopel die Hauptstadt des Oströmischen Reiches.

Die Belagerungen Konstantinopels in vorrömischer Zeit

Aufgrund ihrer geografischen Lage war Byzanz von praktisch allen Kriegen im griechisch-kleinasiatischen Gebiet betroffen. So wurde Byzanz schon im 6. Jahrhundert vor Christus während des Ionischen Aufstand von den Persern belagert und eingenommen. 513 v. Chr. eroberte der persische König Darius I. die Stadt. Im 5. Jahrhundert eroberte der Spartaner Pausanias Byzanz. Er herrschte zwei Jahre und wurde 476 v. Chr. von der Bevölkerung vertrieben. Ende des 5. Jahrhunderts vor Christus war die Stadt Mitglied im Attisch-Delischen Seebund, trat dann aber in den Peloponnesischen Bund über und wurde 409 v. Chr. in den Attischen Seebund zurückerobert. Von 340 bis 339 v. Chr. belagerte der Makedone Philipp II. die Stadt, aber erfolglos. Sie konnte auch noch unter seinem Sohn und Nachfolger Alexander dem Großen ihre Selbstständigkeit bewahren.

Die Belagerungen Konstantinopels in römischer Zeit

In vorrömischer Zeit folgten weitere Belagerungen durch die Galater und später durch die Seleukiden. Sie blieben aber erfolglos. Unter dem Kaiser Vespasian wurde Byzanz 73-72 n. Chr. schließlich von den Römern erobert und als freie Stadt in das Römische Reich aufgenommen. 193-196 wurde sie als Strafmaßnahme von Septimius Severus belagert und teilweise geplündert. Kaiser Caracalla ließ sie später wieder aufbauen. Im Jahr 258 wurde Byzanz von den Goten geplündert und zerstört.

Der römische Kaiser Konstantin der Große machte am 11. Mai 330 die Stadt zu seiner Hauptresidenz, baute sie aus und benannte sie offiziell Nova Roma. Nach seinem Tod wurde sie in Konstantinopel umbenannt und war seit 395 die Hauptstadt von Ostrom, dem Byzantinischen Reich.

Die Belagerungen bis zum 8. Jahrhundert

Aufgrund der strategischen Lage von Byzanz als Tor nach Europa bzw. umgekehrt als Tor nach Asien gab es die gesamte Geschichte hindurch Bestrebungen, die Stadt einzunehmen. Im Jahr 626 wurde Byzanz bzw. Konstantinopel gleichzeitig von zwei verschiedenen Seiten belagert: von der europäischen Seite her durch die Awaren und von der asiatischen Seite aus vom verbündeten persischen Sassanidenreich. Die Awaren, ursprünglich ein aus der Mongolei stammendes Steppenvolk, versuchten ihr Herrschaftsgebiet nach Kleinasien und in die reichen oströmischen Orientprovinzen auszudehnen.

Diese Belagerung wurde durch den Expansionsdrang des Kalifats der Umayyaden 669 beendet, die ihrerseits von 674 bis 678 Konstantinopel belagerten. Immer wieder waren es die arabischen Umayyaden, die versuchten, Konstantinopel zu erobern. Um die Stadt und ihrer Bewohner zu schwächen und damit zur Aufgabe zu zwingen, wurden die Versorgungswege unterbrochen und immer wieder Angriffe geführt. Das war auch in den beiden Jahre 717-718 der Fall. Die Umayyaden aus Mekka waren der Familienclan des Religionsstifters Mohammed. Diese Familie herrschte von 661 bis 750 als Kalifen von Damaskus über das islamische Reich.

Zuvor wurde 715 die Stadt von den aufständischen Truppen der kleinasiatischen Provinz Opsikion bedrängt. Diese byzantinische Provinz (genauer gesagt das Thema Opsikion) war Byzanz räumlich am nächsten und von hier aus erfolgten immer wieder Putschversuche gegen die inthronisierten Kaiser. Später wurde es durch den Kaiser Konstantin V. in zwei kleinere und dadurch weniger gefährliche Verwaltungseinheiten geteilt.

Die Belagerungen ab dem 9. Jahrhundert

Als Hauptstadt Ostroms und als Kaiserresidenz war Byzanz über Jahrhunderte immer wieder Ziel von Angriffen von Aufständischen oder von fremden Herrschern, die ihr eigenes Herrschaftsgebiet auf Ostrom ausweiten wollten. So kam es 813 zur Belagerung durch das Erste Bulgarische Reich. In den beiden Jahren 821 und 822 belagerten die Truppen des Gegenkaisers Thomas die Stadt. Thomas war ein ehemaliger hochrangiger byzantinischer Offizier unter dem Kaiser Leo V., der nach einer Verschwörung durch den byzantinischen General Michael getötet wurde. Michael bestieg daraufhin als Michael II. den Kaiserthron. Thomas rief sich im Gegenzug als Gegenkaiser aus.

Zunächst im Jahr 860, später wieder 907, 934, 941 und 959 wurde Byzanz abwechselnd von verschiedenen osteuropäischen Herrschern aus den Gebieten des heutigen Russlands, Belarus, Ukraine, Slowakei, Bulgarien und Rumänien angegriffen und belagert. Es handelte sich um Großreiche wie das Erste Bulgarische Reich, die Kiewer Rus oder die Magyaren aus Ungarn, die expandierten und ihre Herrschaftsbereiche auszudehnen versuchten. Die Waräger, die 860 Konstantinopel angriffen, waren Wikinger, die auf den großen Flüssen wie Newa, Wolga, Dnepr und Don als Händler und Krieger auf Handels- und Raubfahrten unterwegs waren. Sie kamen über das Schwarze Meer nach Byzanz und stellten später, seit 988 die Leibgarde der byzantinischen Kaiser, die sogenannte Warägergarde.

Auch im Jahr 1047 wurde die Stadt wieder von einem Gegenkaiser angegriffen. Es war Leon Tornikes, auch genannt Tornikios, ein Neffe des Kaisers Konstantin IX. und General in der Provinz Makedonien. Der Putschversuch scheiterte.

Belagerungen und Eroberungen durch die Kreuzfahrer

Das Byzantinische Reich musste im Laufe des 11. Jahrhunderts deutliche Gebietsverluste hinnehmen. Ostrom suchte deswegen Hilfe in Westrom. Papst Urban II. rief daraufhin 1095 zum Ersten Kreuzzug auf. Bald darauf zogen aus allen Teilen des Weströmischen Reiches bewaffnete Pilgerzüge und Ritterheere Richtung Konstantinopel, wo die letzten Abteilungen im Jahr 1097 ankamen. Etwa 50000 Mann bedrängten nun die Hauptstadt und machten sie unsicher. Das Ziel war die Unterstützung des Byzantinischen Reiches bei der Eroberung des arabisch besetzten Palästinas.

Es gab einen Zweiten (1147–1149) und Dritten (1189-1192) Kreuzzug der Christen gegen die Araber. Der Vierte Feldzug (1202-1204) endete allerdings auf der Suche nach Beute mit der Belagerung, Eroberung und Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer. Mit der Hauptstadt fiel auch das Reich. Ostrom wurde anschließend unter den Weströmischen Herrschern aufgeteilt.

1235-1236 kam es zu einer weiteren Belagerung Konstantinopels, dieses Mal durch das Kaiserreich Nikaia und durch das Zweite Bulgarenreich. Einige Jahre später, im Jahr 1260, belagerte Nikaia die Hauptstadt ein weiterer Mal. 1261 wurde Konstantinopel erobert. Es war die zweite Eroberung der Stadt im 13. Jahrhundert. Sie gelang im Handstreich und ohne Belagerung. Doch die Plünderungen durch die Kreuzfahrer zu Anfang des Jahrhunderts waren so massiv, dass sich weder die Stadt noch das Reich wieder davon erholen konnten.

Die Belagerungen im 14. Und 15. Jahrhundert

Etwa einhundert Jahre später, 1376, waren es die Truppen des späteren Kaisers Andronikos IV., die die Stadt belagerten. Zum ersten Mal tauchten auch Truppen des Osmanischen Reiches vor der Stadt auf. Im Jahr 1391 wurde Konstantinopel das erste Mal durch das Osmanische Reich unter Sultan Bayezid I. belagert. Wenige Jahre später 1394-1396 kam es zu einer zweiten und 1397-1402 zu einer dritten Belagerung der Stadt durch den Sultan.

1411 und noch einmal 1422 waren es wieder die Osmanen, die Konstantinopel belagerten. Schließlich gelang es dem Sultan Mehmed II. im Jahr 1453 die Stadt erneut zu belagern und nun endgültig zu erobern. Der letzte christliche Kaiser Konstantin XI. starb bei der Verteidigung der Stadt. Von diesem Jahr an war Konstantinopel muslimisch und das Byzantinische Reich, Ostrom, zerstört.

Überblick der Belagerung während der Byzantinischen Zeit

  • 378 Erfolglose Belagerung durch die Goten
  • 626 Erfolglose Belagerung durch die persischen Sassaniden und durch die Awaren, ihren Verbündeten.
  • 654 Erfolglose Belagerung durch das Kalifat von Rashidun
  • 674–678 Erfolglose Belagerung durch das Kalifat der Umayyaden
  • 715 Erfolgreiche Belagerung durch das Thema Opsikion
  • 717–718 Zweite erfolglose Belagerung durch die Umayyaden. Zweiter schwerer Angriff der Araber. Beide abgewehrten Angriffe hatten welthistorische Bedeutung, denn sie stoppten die islamische Expansion nach Europa.
  • 813 Erfolglose Belagerung durch das Erste Bulgarische Reich
  • 821–822 Erfolglose Belagerung durch den Gegenkaiser Thomas
  • 860 Erfolglose Belagerung durch die Waräger/Rus
  • 907 Erfolglose Belagerung durch den Kiewer Rus.
  • 934 Erfolglose Belagerung durch die ungarischen Magyaren.
  • 941 Zweite erfolglose Belagerung durch den Kiewer Rus.
  • 959 Zweite erfolglose Belagerung durch die ungarischen Magyaren.
  • 1047 Erfolglose Belagerung durch den Gegenkaiser Leon Tornikes.
  • 1203 Erfolglose Belagerung durch die Kreuzfahrerarmee im Vierten Kreuzzug.
  • 1204 Zweite Belagerung und anschließende Eroberung durch die Kreuzfahrerarmee im Vierten Kreuzzug. Plünderung und Zerstörung der Stadt. Konstantinopel hat sich davon nie wieder erholt.
  • 1235-1236 Erfolglose Belagerung durch das Kaiserreich Nikaia und durch das Zweite Bulgarische Reich.
  • 1260-1261 Rückeroberung der immer noch von den Kreuzfahrern besetzten Hauptstadt durch das Kaiserreich Nikaia.
  • 1376 Belagerung durch den späteren Kaiser Andonikos IV., durch die Truppen der Republik Genua und die des Osmanischen Reichs.
  • 1391 Erste erfolglose Belagerung durch das Osmanische Reich unter Sultan Bayezid I.
  • 1394–1396 Zweite erfolglose Belagerung durch das Osmanische Reich unter Bayezid I.
  • 1397–1402 Dritte erfolglose Belagerung durch das Osmanische Reich unter Bayezid I.
  • 1411 Erfolglose Belagerung durch den Thronanwärter im Osmanischen Reich Musa Çelebi
  • 1422 Erfolglose Belagerung durch das Osmanische Reich unter Murad II.
  • 1453 Endgültige Eroberung durch das Osmanische Reich unter Sultan Mehmed II. Der Fall Konstantinopels bedeutete das Ende des Byzantinischen Reichs.

Mit dem Ende des Byzantinischen Reichs ging zugleich der Aufstieg des Osmanischen Reiches zur Großmacht einher. Konstantinopel wurde die Hauptstadt des Osmanischen Reichs. Im Ersten Weltkrieg kämpften die Osmanen auf der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns. Die Siegermächte besetzten daraufhin Teile des Landes. Nach der Befreiung von den Besatzungsmächten wurde 1923 die Republik Türkei gegründet, als moderner Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches. Staatsgründer und erster Präsident war Mustafa Kemal Atatürk. Als bewusste Abgrenzung zum osmanischen Regierungssitz wurde Ankara zur Hauptstadt ernannt. Am 28. März 1930 wurde Konstantinopel durch Atatürk als Name ausgelöscht und die Stadt in Istanbul umbenannt.

Zusammenfassung

  • Byzanz bzw. Konstantinopel (später Istanbul) wurde mehrfach belagert.
  • Es waren im 7. Jahrhundert die Araber, die immer wieder versuchten, die Hauptstadt und damit das christliche Ostrom einzunehmen.
  • Im 12. und 13. Jahrhundert waren es aber die christlichen Kreuzfahrer, die die Stadt vom Ersten Kreuzzug an bedrängten und mit dem Vierten Kreuzzug letztendlich zerstörten.
  • Mit dem Fall der Hauptstadt zerfiel auch das Byzantinische Reich.
  • Im 14. Jahrhundert und nach fast 80 Jahren Widerstand Konstantinopels gegen die islamischen Herrscher des Osmanischen Reiches, konnte letztendlich Mehmed II. im Jahr 1453 die byzantinische Herrschaft beenden.
  • Das Osmanische Reich etablierte sich und hatte bis 1922 bestand. Es war der Erste Weltkrieg, der der Herrschaft der Osmanen ein Ende setzte.
  • Bis zu seiner Eroberung im Jahr 1453 war Konstantinopel ein Bollwerk gegen die arabischen Völker aus den kleinasiatischen und vorderasiatischen Gebieten. Ohne die Stadt am Bosporus wäre Europa heute eher muslimisch und weniger christlich geprägt.

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