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Thinis: Erste Hauptstadt im Alten Ägypten


Thinis, des Öfteren ebenfalls als This oder ägyptisch Tjenu bezeichnet, war die Hauptstadt der ersten Dynastie des Alten Ägyptens. Obwohl Memphis bald ihren Status einnahm, behielt die Stadt einen großen Stellenwert als administratives und religiöses Zentrum bei. Bis heute ist nicht genau geklärt, wann und wie Thinis unterging.

Lage und Standort von Thinis

Heute gilt Thinis als verlorene Stadt, da ihre tatsächliche Lage bisher noch nicht entdeckt wurde. Der Name der Stadt leitet sich von einer Veränderung des Adjektivs Thinit ab, welches vom Geschichtsschreiber und Priester Manetho als Beschreibung des Pharaos Menes in seiner Aegyptiaca benutzt wurde. Bei der Aegyptiaca handelt es sich um eine von Manetho erstellte Chronik zur altägyptischen Geschichte, der damaligen Religion und Politik. Obwohl Thinis in der griechischen Übersetzung nicht vorkommt, steht sie im ägyptischen Original. Unter Ägyptologen ist der Begriff bis heute der populäre Name für die erste Hauptstadt Ägyptens.

Durch die Aufzeichnung weiterer antiker Geschichtsschreiber ließ sich in etwa der Standort der alten Hauptstadt festlegen. Der griechische Geschichtsschreiber Hellanikos schrieb im 5. Jahrhundert v. Chr. mehrere landeskundliche Werke, welche unter anderem auch Ägypten beinhaltete. Der dänische Archäologie Georg Zoëga änderte in seiner Korrektur der Werke Hellanikos den Namen der Stadt.

Erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts stellte der französische Ägyptologe Gaston Maspero fest, dass das Werk Zoëgas den Namen Thinis sowie einen wichtigen geografischen Hinweis beinhaltete. Übersetzt bedeutet Thinis „am Fluss“.

Dieses Detail half Maspero sowie anderen Anhängern der Theorie, dass Thinis im heutigen Girga oder einer benachbarten Stadt wie El-Birba lag. Dort wurde im Zuge von Forschungen und Ausgrabungen ein Statuenfragment gefunden, welches Thinis erwähnt. Dennoch zeigten sich weiterhin Gegner der Girga-Birba-Theorie, welche den Standort Thinis nicht in diesem Gebiet sahen.

Thinis in der Vordynastie und Frühen Dynastie Ägyptens

Trotz der Tatsache, dass die archäologische Stätte von Thinis nie gefunden wurde, existieren Hinweise auf eine Bevölkerungskonzentration in der Region Abydos-Thinis. Diese stammen aus dem vierten Jahrtausend v. Chr. Gleichzeitig findet sich eine Nennung Thinis als früheste königliche Begräbnisstätte Ägyptens.

Bereits zu einem frühen Zeitpunkt trat die Stadt Abydos ihren politischen Rang an Thinis ab. Wann genau dies geschah, ist nicht bekannt. Abydos genoss weiterhin die höchste religiöse Bedeutung und bestand bis in die Römische und Arabische Zeit. Die Geschichte und Funktion von Abydos sind gleichzeitig weiterhin eng mit Thinis verknüpft. Vor allem als wichtigste regionale Nekropole beziehungsweise Totenstadt der Ersten und Zweiten Dynastie erhielt Abydos noch immer große Wichtigkeit.

Thinis als religiöses und administratives Zentrum in der Frühen Dynastie

Welche exakte Rolle Thinis innehatte, lässt sich nicht vollkommen feststellen. Antike Geschichtsschreiber wie etwa Manetho behaupten sogar, Thinis sei das Zentrum der Thinitischen Konföderierten gewesen. Unter den Thinitischen Konföderierten versteht sich eine ägyptologische Bezeichnung für eine theoretische Stammeskonföderation im alten Ägypten.

Es wird angenommen, dass sie der vollständigen Vereinigung Oberägyptens um 3100 v. Chr. vorausging. Ihre Anführer waren Vermutungen zufolge höchstwahrscheinlich Stammesadlige. Später wurde die Konföderation in den kombinierten Staat, bestehend aus Oberägypten und Unterägypten, integriert.

Anführer der Thinitischen Konföderation war entweder Menes oder Namer. Menes gilt als erster Pharao und jene Person, welche Ober- und Unterägypten vereint hat. Historisch betrachtet existieren jedoch kaum Beweise, welche die Identität Menes bestätigen. Manche Ägyptologen setzen ihn mit der Person des Naqada III. gleich, welcher den Herrschernamen Narmer trug.

Narmer war ein ägyptischer Pharao der Frühen Dynastie, welcher gleichzeitig als Vereiniger Ägyptens angesehen wird. Ebenso besteht die Möglichkeit, dass es sich bei Menes um Hor-Aha, Pharao der ersten Dynastie und möglichem Sohn Narmers, handelte.

Thinis im Alten Reich bis in die Zweite Zwischenzeit

Ihren Rang als religiöses und administratives Zentrum dürfte Thinis nur für kurze Dauer besessen haben. Thinis blieb nicht lange die Hauptstadt des „neuen“ Ägyptens. Lediglich in den ersten zwei Generationen hatte sie diese Stellung inne. Mit dem Beginn der Dritten Dynastie um das Jahr 2686 v. Chr. wurde Memphis diese Rolle zuteil. Dadurch endete die nationale politische Rolle der alten Hauptstadt.

Dies bedeutete gleichzeitig, dass Thinis nicht länger wichtig war, obwohl die Stadt weiterhin eine zentrale Rolle für die Verwaltung einnahm. Thinis konnte dennoch weiterhin auf seine regionale Bedeutung setzen.

Während der Vierten Dynastie galt die Stadt als wahrscheinlicher Sitz des „Aufsehers von Oberägypten“. Mit „Aufseher von Oberägypten“ wurde ein Verwaltungsbeamter betitelt, welcher die Verantwortung für das Niltal südlich des Deltas innehatte. Während der gesamten Antike war Thinis die gleichnamige Hauptstadt der Nome beziehungsweise territoriale Provinz VIII von Oberägypten und Sitz der Nomarchen.

Als Nomarchen werden die Provinzgouverneure im antiken Ägypten verstanden. Der Titel Nomarch lässt sich mit „Great Chief“ oder „Großer Häuptling“ übersetzen und wurde dem für die Nome zuständigen Regierungsbeamten verliehen.

Während der Kriege der Ersten Zwischenzeit, datiert mit ca. 2181 bis 2055 v. Chr. brach ein Zwist zwischen den Nomarchen von Hierakonpolis. Ankhtifis, und dem Nomarchen von Thinis aus. Ankhtifi verlange vom „Aufseher von Oberägypten“, dass dieser seine Anerkennung zur Oberhoheit in Thinis verkündete.

In Ankhtifis Autobiografie werden hierzu die Stadtmauern von Thinis zitiert, obwohl Annahmen zufolge es sich bei diesem Gebot nur um eine Machtdemonstration Ankhitifis handelte. Die Neutralität mit Thinis soll anschließend mit Getreide erkauft worden sein.

Nach Ankhtifis Tod war Thinis die nördlichste Nome, welche unter der Herrschaft Intef II., Pharao der thebanischen Dynastie XI, fiel. Intefs Herrschaft soll von ungefähr 2118 bis 2069 v. Chr. angedauert haben. Der Vormarsch der thebanischen Armeen nach Norden wurde von Kheti III., Pharao der herakleopolitanischen Dynastie IX, in einer Schlacht bei Thinis selbst aufgehalten. Dies wurde in der Lehre für König Merikare, einem Pharao der Zehnten Dynastie, aufgezeichnet.

Thinis erhielt durch Intef II. weiterhin Erwähnung. Dieser führte in späteren Jahren Krieg gegen die Herakleopolitaner und deren Verbündeten, dem Nomarchen von Assyut, im Land zwischen Thinis und Assyut.

Im Zuge dieser Schlachten begann Theben, die Oberhand zu gewinnen. Mentuhotep II., Pharao der 11. Dynastie zwischen den Jahren 2061 und 2010, plante während seines Feldzuges die Wiedervereinigung Thinis. Die Stadt hatte sich zuvor in Aufruhr befunden. Mentuhotep gelang es schließlich, Thinis unter seine feste Kontrolle zu bringen. Möglicherweise war er dazu allerdings nur auf Betreiben der Herakleopolitaner und der sicheren Unterstützung der Armee unter dem Kommando des Nomarchen von Assyut in der Lage.

Als Folge erlebte Thinis in der Zweiten Zwischenzeit, welche ungefähr im 18. Jahrhundert v. Chr. stattfand, eine wiederauflebende Autonomie.

Thinis im Neuen Reich und Spätzeit

Trotz ihres wiederkehrenden Status sah sich Thinis im Neuen Reich einem stetigen Niedergang entgegen. Dieser soll während der 18. Dynastie, welche ungefähr von 1550 bis 1292 v. Chr. andauerte, kurzweilig gestoppt worden sein. Thinis geografische Verbindung zu verschiedenen Oasen ermöglichte eine erneute militärische Bedeutung. Das Amt des Bürgermeisters von Thinis wurde gleichzeitig von einer Vielzahl an bemerkenswerten Persönlichkeiten besetzt.

Eine von ihnen war Satepihu, welcher am Bau eines Obelisken für die Pharaonin Hatschepsut der 18. Dynastie beteiligt war. Er wurde in einer vorbildlichen Blockstatue verewigt. Dem Herold Intef, ein unentbehrliches Mitglied des königlichen Haushalts und der Reisebegleiter von Thutmose III, ein weiterer Pharao der 18. Dynastie, wurde ebenso die Ehre des Amtes zuteil. Ebenfalls fand sich Min, Tutor des Prinzen Amenhotep III. und späteren Pharao der 18. Dynastie, im Amt des Bürgermeisters wieder.

Die schriftlichen Quellen deuten darauf hin, dass Thinis immer noch eine Stadt von großem Reichtum selbst nach ihrem Ende als Hauptstadt Ägyptens war. Unter der Herrschaft Thutmose III., dem sechsten Pharao der 18. Dynastie, nahm die Höhe der Steuer deutlich zu. Dies wiederum ist ein Hinweis, wie reich die Stadt weiterhin war. Dennoch war Thinis zu diesem Zeitpunkt bereits zu einer Siedlung von geringer Bedeutung herabgesunken. Unter der Herrschaft der Römer wurde Thinis als Hauptstadt der Nome von Ptolemaios verdrängt.

Girga – das „neue” Thinis

Wie genau das weitere Bestehen von Thinis ausfiel, lässt sich bis heute nicht deutlich sagen. Inzwischen wird die Stadt Girga, manchmal ebenso als Jirja geschrieben, als Stadtname verwendet. Sie liegt an der Westseite des Nils und verfügt über eine Geschichte, welche weit bis ins Alte Ägypten zurückreicht.

Die Nekropolen der Stadt lagen auf der anderen Nilseite bei der Stadt Lepidotonpolis. Girga besaß gleichzeitig einen weitläufigen Friedhof. Die Gräber reichen von der Frühdynastik bis zum Mittleren Reich. Gleich wie Thinis verehrte Girga zudem ebenfalls Anhor, welcher unter den Griechen den Namen Onuris trug. Dieser besaß bereits im Alten Reich einen eigenen Tempel. In seiner Aegyptiaca berichtete Manetho, dass die ersten neun Könige sowie der erste König Menes aus This und somit aus Thinis oder Girga kamen. Der zweite Pharao Hetepsechemui, Begründer der zweiten Dynastie, errichtete mit Hor-chaj-seba eine neue Residenz nahe Thinis.

Religion in Thinis

Aufgrund ihres antiken Erbes hatte Thinis den Status eines bedeutenden religiösen Zentrums inne. Hierbei spielte Thinis in der altägyptischen religiösen Kosmologie eine Rolle als mythischer Ort im Himmel. Dies wurde unter anderem im Totenbuch festgehalten. Thinis kam hierbei bei bestimmten Ritualen eine bedeutende Rolle zu. Beispielsweise hieß es, es „geht die Freude in Thinis um“, wenn der Gott Osiris triumphiert. Dieser Vermerk bezieht sich jedoch auf das himmlische Thinis und nicht auf die irdische Stadt.

Wie jede andere Nome ebenfalls beherbergte Thinis das Grab und die Mumie eines verstorbenen Nome-Gottes. Thinis wurde auserkoren, dies Stätte für den altägyptischen Kriegs- und Jagdgott Anhor zu werden. Anhor trug den Beinamen „Stier von Thinis“ und wurde nach seinem Tod als Khenti-Amentiu verehrt. Als Nome-Gott stand er an der Spitze der lokalen Eneade beziehungsweise Neunheit.

Der Hohepriester des Tempels von Anhor wurde der erste Prophet oder Häuptling der Seher genannt. Maspero nimmt hierbei an, dass der Titel den Niedergang des Status Thinis als Stadt widerspiegelt. Anhurmose, welcher den Titel des Häuptlings der Seher in der Regierungszeit Merneptahs zwischen ungefähr 1213 bis 1203 v. Chr. innehatte, brach gleichzeitig mit der Tradition seiner Vorgänger, da dieser wurden in Thinis selbst beigesetzt wurde.

Neben Anhor fand ebenso die Löwengottin Mehit Verehrung in Thinis. Für sie wurde ein eigener Tempel errichtet. Anhurmose dürfte die Restaurierungsarbeiten am Tempel, welche während der Herrschaft Mernepthas stattfanden, beaufsichtigt haben.

Ergänzend existieren Hinweise, dass die Nachfolge im Amt des Oberhauptes der Seher von Anhor in Thinis familiär bedingt waren. In der herakleopolitischen Periode folgte ein Hagi seinem älteren Bruder, welcher ebenfalls die Bezeichnung Hagi trug. Dieser wiederum folgte seinem Vater auf den Posten.

Zusammenfassung

  • Der Werdegang Thinis von Ägyptens Herz zur unbekannten Oasenstadt verlief über mehrere Jahrhunderte.
  • Gegründet wurde die altägyptische Stadt in der ersten Dynastie des antiken Ägyptens, wobei ihr genauer Standort bis heute unbekannt ist.
  • Ableitungen des Namens zufolge soll sie am Fluss und somit am Nil gelegen sein.
  • Erste Hinweise für den Erbauungszeitraum der Stadt stammen aus dem vierten Jahrtausend v. Chr. Bereits zur damaligen Zeit galt Thinis als Begräbnisstätte der Könige Ägyptens.
  • Als mögliches Zentrum der Thinitischen Konföderierten trug Thinis maßgeblich zur Vereinigung Ober- und Unterägyptens um das Jahr 3100 v. Chr. bei.
  • Bereits mit der Dritten Dynastie wurde Memphis zur neuen Hauptstadt ernannt. Thinis blieb gleichzeitig weiterhin das religiöse und administrative Zentrum.
  • Die Lage an Oasen und anderen Städten trugen zu ihrer Blütezeit bei, welche unter den Römern endgültig zu Ende ging. Heute wird die Stadt Girga mit Thinis in Verbindung gebracht.
  • Einen besonderen Stellenwert erhielt Thinis im Bereich der Religion. Der Tempel des Gottes Anhor und der Götting Mehit befanden sich in der Stadt. Bezüglich religiösem Kult findet sich eine Erwähnung der Stadt im Totenbuch.

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