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Was bedeutet sein Gesicht wahren: Definition und Bedeutung


Gesichtswahrung bzw. sein Gesicht zu wahren, bedeutet – dass man sein Ansehen bzw. seine Autorität vor sich selbst und in der Öffentlichkeit nicht verliert. Der Gesichtsverlust bzw. das Gesicht zu verlieren, ist das Gegenteil dazu. Das Konzept der Gesichtswahrung entstammt ursprünglich der asiatischen Kultur. Es wurde aber in bestimmten Kontexten auch in westlichen Staaten wichtig. Hier hatte es jedoch nie die gesellschaftliche Bedeutung und Brisanz, die es in China oder Japan erhielt. Mittlerweile wandelt sich auch in China oder Japan die Bedeutung dieses aus dem Konfuzianismus stammenden Verhaltens-Codexes.

Was bedeutet Gesichtswahrung?

Gesichtswahrung ist ein Begriff, der ursprünglich aus dem asiatischen Kulturraum stammt. Dort hatte er bis in die Neuzeit eine hohe gesellschaftliche Bedeutung. Bei uns ist dieser Begriff eher in der Politik oder bei wirtschaftlich bedeutenden Verhandlungen in Nutzung. Grundsätzlich bezieht er sich aber auf kommunikative Strategien im Zusammenhang mit sozialen, diplomatischen oder geschäftlichen Beziehungen.

Bei der Gesichtswahrung geht es um das Aufrechterhalten des Ansehens oder der gegenseitigen Wertschätzung von anderen, auch wenn nicht alles rund läuft. Der Anschein der Harmonie muss um jeden Preis gewahrt werden. In diesem Sinne ist die Würde des Gegenübers zumindest in der Öffentlichkeit unantastbar. Man hält sich im Gespräch mit Kritik zurück und lächelt stattdessen. Mit dem Lächeln signalisiert man dem Gegenüber, dass man es weiterhin wertschätzt und miteinander im Gespräch bleibt.

Der Begriff bezeichnet außerdem ein gesichtswahrendes Verhalten, das den Anschein erweckt, es sei alles zur Zufriedenheit verlaufen. Gewichtswahrung wird daher auch oft als ein strategisches Verhalten angesehen, das den Anschein von Harmonie und Einverständnis wahren soll. Hintergrund dieser Redewendung ist, dass das Gesicht eines Gesprächspartners wie ein offenes Buch seine Gefühle ausdrückt.

Außerdem wird das Gesicht in vielen Kulturen als Symbol für Persönlichkeit und Ansehen einer Personen gewertet. Demnach beschädigt ein Gesichtsverlust nach asiatischer Lesart automatisch das Ansehen einer Person. Interessant ist, dass es bisher keinen Wikipedia-Eintrag zur Gesichtswahrung gibt. Hingegen findet sich ein Artikel über „Facework“. Dieser Begriff kann laut Wikipedia auch mit Gesichtswahrung übersetzt werden.

Bei Facework geht es ebenfalls um ein strategisches Verhalten in sozialen Interaktionen, das der gegenseitigen Gesichtswahrung dient. Entweder möchte man sein Gesicht mittels Facework wahren, oder man möchte es wieder herstellen, nachdem das Ansehen möglicherweise gelitten hat. Die Strategie des Facework ist insbesondere auf diplomatischer Ebene oder bei Geschäftsverhandlungen mit asiatischen Businesspartnern wichtig.

Wie kann man sein Gesicht bewahren?

Facework und gesichtswahrende Kommunikationsformen beinhalten kommunikative Rücksichtnahme und ausgesprochene Höflichkeit. Diese umfasst ein taktvolles Vermeiden konfrontativer Sätze und Worte. Gegebenenfalls ist sogar eine Notlüge gesichtswahrend.

Die Asiaten sind bei Geschäftsverhandlungen wahre Meister dieser Strategie. Statt „Nein“ wird vorzugsweise „möglicherweise“ gesagt, weil beide Parteien damit das Gesicht und den Anschein einer kommunikativen Annäherung wahren können. Verstehen Europäer nicht, dass hinter dem dem lächelnd vorgetragenen „möglicherweise“ ein „Nein“ steckt, mühen sie sich mit weiteren Verhandlungen ab, um ein „Ja“ daraus zu machen.

Je nach Kultur, aus der die Gesprächspartner stammen, wird die Gesichtswahrung für unterschiedlich wichtig gehalten. In China, Japan oder Thailand war die soziale Verpflichtung zur Wahrung des Gesichts traditionell besonders ausgeprägt. Das gesellschaftliche Ansehen der betroffenen Person und ihres gesamten Umfeldes hing und hängt davon ab. Wer diese kommunikative Strategie missachtet, verliert automatisch das Gesicht. Sein Ansehen dieser Person ist nachhaltig beschädigt. Die Frage ist nun, welche gesichtswahrenden Strategien es wieder herstellen können – und ob überhaupt.

Wer als japanischer Geschäftsmann das Gesicht verloren hat, hat in seiner Firma an Statur, Ansehen und Respekt verloren. Er fühlt sich bloßgestellt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Das Gefühl der Scham spielt in Japan eine große Rolle. Dazu später mehr.

Woher kommt diese Redewendung?

Im ehemaligen Sprachgebrauch wurde der Begriff „Gesicht“ viel weiter gefasst als heute. Wenn jemand „Gesichte“ hatte, hatte er Erscheinungen von Geistwesen, Ahnen oder Verstorbenen. Er hatte Visionen und konnte die Zukunft oder eine nahende Katastrophe vorhersagen.

Das Wort „Gesicht“ konnte im Sinne von „sehen“, „Sehvermögen“, „Auge“, „Blick“ oder „das Gesehene“ übersetzt werden. Einige Beispiele dafür belegen das. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts bedeutete die Wendung „sein Gesicht zu verlieren“ in der Übersetzung die Aussage, dass jemand nicht mehr sehen könne und blind werde.

Verlor man etwas „aus dem Gesicht“ konnte man es nicht mehr sehen. Es war den Blicken entschwunden. Man hatte es aus den Augen verloren. In heutiger Lesart hat die „Gesichtswahrung“ aber eine andere Bedeutung. Diese stammt aus der englischen oder chinesischen Sprache.

Die Briten übertrugen im 19. Jahrhundert zwei chinesische Wendungen, die für „Gesichtswahrung“ standen, in ihre Sprache: diu mianzi und diu lian. Die englische Wendung „to lose face“ wurde Mitte des 20. Jahrhunderts in unsere Sprache übernommen und als „Gesichtswahrung“ oder „das Gesicht wahren“ bekannt. In einigen deutschsprachigen Veröffentlichungen findet sich aber schon im 19. und 20. Jahrhundert eine Wendung, die sich auf die Gesichtswahrung in China bezieht.

Daher ist nicht mehr klärbar, welcher Einfluss sich nun auf die Nutzung dieser Wendung in unserer Kultur ausgewirkt hat. Wichtig ist aber die Feststellung, dass die dahinter stehende strategisch-kommunikative Haltung eine Bedeutung in der Kultur des Westens erhielt.

Welche Formen der Gesichtswahrung gibt es in anderen Kulturräumen

In der chinesischen, der japanischen und der thailändischen Sprache steht das Gesicht nicht nur für das Antlitz. Die Denkweise der Asiaten ist vielmehr, dass man „Gesicht“ hat, wenn man sich soziale Anerkennung verdient hat und einem Menschen öffentlicher Respekt gezollt wird. Im Chinesischen stehen die Begriffe „mianzi“ und „lian“ für „Gesicht“. In Japan heißt „Kao“ „Gesicht“ und meint das Antlitz. Ein Gesichtsverlust wird als „Kao no sōshitsu“ bezeichnet. In Thailand wird „Gesicht“ als „Bıhnā“ übersetzt. Der Gesichtsverlust wird mit dem Begriff „Seiy hnā“ bezeichnet.

Allgemeine Bedeutung der Gesichtswahrung

Wer es im Kontakt mit einem Asiaten versteht, das „Gesicht“ – also das Ansehen – eines anderen zu wahren, legt dessen erkannte Schwächen nicht offen. Er demoliert das Ansehen des anderen nicht, obwohl er aus taktischen Gründen dazu in der Lage wäre. Dadurch steigt auch sein eigenes Ansehen.

Bringt ein Geschäftsmann trotz eines nicht erfolgreichen Verhandlungsverlaufs die nötige Geduld und Ruhe auf, um den Kontakt trotzdem aufrecht zu erhalten, wird er später häufig ein geschätzter Geschäftspartner. Er hat die Mentalität seines Gegenübers verstanden und achtet sie. Umgekehrt gilt: Wenn jemand einem anderen trotz nicht erfolgreich verlaufender Kommunikation keine gesichtswahrende Haltung ermöglicht, verliert er selbst an Gesicht und damit auch an Ansehen.

In der Kommunikation mit chinesischen oder japanischen Geschäftspartnern sind damit alle Geschäftserfolge torpediert. Die Chancen auf gute Kontakte sind durch den Gesichtsverlust beider hinfällig geworden. In Thailand kommt neben diesen Faktoren noch die Achtung vor dem König und der Staatsreligion des Buddhismus erschwerend hinzu. Wer diese durch vermeintlich harmlos klingende Gesprächsinhalte besudelt, die bei uns als normal gelten, kann im Gefängnis landen.

Die Chinesen und die Thailänder übersetzen den Begriff „Gesicht“ auch als „Ansicht anderer über die fragliche Person“. Ein Gesichtsverlust wirkt sich in Asien nicht nur dem unmittelbaren Gesprächspartner gegenüber aus, sondern auf der gesellschaftlichen Ebene.

Gesichtsverlust in Japan

Im Japan vor dem Zweiten Weltkrieg galt ein Gesichtsverlust sogar als so schwerwiegend, dass er lebenslange Konsequenzen für den Betroffenen nach sich zog. Ein Gesichtsverlust galt als nicht reparabel. Er beschädigte die Ehre und das gesellschaftliche Ansehen seiner gesamten Familie irreversibel. Scham allein genügte den vom Gesichtsverlust betroffenen Japanern meist nicht. Sie begingen oft Selbstmord in Form von „Seppukku“, um nicht lebenslang der gesellschaftlichen Ächtung anheim zu fallen.

Mit „Seppukku“ wurde eine ritualisierte Form des Selbstmordes bezeichnet, der die Ehre der Familie wieder herstellte. Ursprünglich brachten sich nur die Samurai auf diese Weise um – meist, nachdem sie öffentlich einer Pflichtverletzung beschuldigt oder überführt worden waren. Die Scham über das eigene Versagen war aber auch in der restlichen männlichen Bevölkerung des Landes so groß, dass der ritualisierte Selbstmord 1868 offiziell verboten werden musste.

In Japan ist das Thema Gesichtswahrung bis heute ein stark verinnerlichter Bestandteil der Kultur. Emotionalität, Drohungen, Selbstironie und Sarkasmus werden gemieden. Jeder bemüht sich, den anderen in positivem Licht zu sehen und sich ebenso darzustellen. Während Peinlichkeiten bei uns keine lange Halbwertzeit haben, ist das in Japan anders. Die soziale Identität hängt vom Ansehen und somit vom „Gesicht“ ab. Es spielt keine Rolle, ob man selbst der Verantwortliche für einen Misserfolg ist. War man daran beteiligt, wird man sozial geächtet.

Die soziale Ächtung gilt im modernen Japan zumindest lange, bis man sich gesichtswahrend aus der peinlichen Situation befreien konnte. Dann genießt man wieder die Anerkennung und den Respekt der Gesamtgesellschaft. Die öffentliche Bitte um Verzeihung ist meist der erste Schritt dazu.

Gesichtsverlust in China

Die chinesische Gesellschaft ist geprägt von starker gesellschaftlicher und politischer Kontrolle. Schon in der Zeit der chinesischen Kaiser galt es als unerlässlich, in sozialen oder geschäftlichen Beziehungen peinlich genau auf den gesellschaftlichen Status des Gegenübers zu achten. Wer einen Höhergestellten mit einem falschen Begriff ansprach, verlor das Gesicht. Er beschädigte das Ansehen seines Gesprächspartners – und sein eigenes gleich mit. Ohne Widersprüche bleibt das Prinzip der Gesichtswahrung in China aber heutzutage nicht mehr. Vor allem liegt das am politischen Klima und dem zunehmenden Einfluss westlicher Denkweisen.

Bei uns gilt zwar Ähnliches, nämlich der Respekt vor einem Amt oder einem besonderen gesellschaftlichem Status – aber die Folgen eines Vergehens sind andere. In China wird ein Unterschied gemacht, der sich schon begrifflich deutlich macht. Es existieren nicht zufällig zwei Gesichtsbegriffe. Diese stehen für „gesellschaftliches Prestige und sozialen Status“ sowie für „moralische Integrität. Das gesamte Sozial- und Kommunikationsverhalten ist in China auf Gesichtswahrung ausgerichtet. Wo immer es Konflikte gibt, gilt das Prinzip Gesichtswahrung.

Möglichst sollte dem Gegenüber am Ende eines Gesprächs oder einer Verhandlung ein Zuwachs an Ansehen und „Gesicht“ entgegengebracht werden. Wie in Japan auch, empfinden die Chinesen einen Gesichtsverlust als peinlich und schambesetzt sowie als eklatanten Ansehensverlust. Es wird aber unterschieden, ob der Gesichtsverlust sich auf die moralische Integrität oder das gesellschaftliche Prestige bezieht. Konfuzianische Einflüsse sind für die Kenner der chinesischen Kultur spürbar.

Die allzu direkten Strategien der europäischen Gesprächskultur ecken in China an. Sie wirken beleidigend und konfrontativ. Kommt es zu einem Konflikt, wird dieser normalerweise nicht öffentlich ausgetragen. Unter Wahrung des Gesichts wird der Konflikt zwischen den beiden Gesprächspartnern im Stillen gelöst. Für einen chinesischen Geschäftspartner ist ein Konflikt mit einem Europäer so schlimm, dass er sich lieber eine neue Arbeitsstelle sucht, als dem Konfliktparther in zukünftigen Verhandlungen erneut zu begegnen.

Vier Formen der Gesichtswahrung in China

Die asiatische Gesellschaft ist geprägt vom Kollektivismus. Das bedeutet, dass das Wohl der Gemeinschaft über dem Wohl des Einzelnen steht. Diese Philosophie hat Auswirkung auf das Handeln und Verhalten des Individuums, aber auch auf Politik und alle andere Aspekte des Zusammenlebens.

Deshalb betrifft ein Gesichtsverlust in Asien nicht nur den Einzelnen, sondern immer auch dessen Firma, seine Familie und sein gesamtes gesellschaftliches Umfeld. Laut konfuzianischem Verhaltenskodex kann eine Gesellschaft harmonisch funktionieren, wenn sich alle Mitglieder um ein harmonisches Verhältnis zueinander bemühen. Als elementarste Bedingung dafür wird die Verpflichtung zur Gesichtswahrung angesehen. In China existieren vier verschiedene Formen der Gesichtswahrung.

Der schlimmste Gesichtsverlust (diu mianzi) tritt ein, wenn ein Chinese vor der gesamten Belegschaft kritisiert wird. Allerdings wird auch der Vorgesetzte – oft ein Europäer oder Amerikaner – einen erheblichen Gesichtsverlust erleben. Als „gei mianzi“ wird benannt, wenn jemand das Ansehen („Gesicht“) eines anderen erhöht. Das wäre beim selben Vorfall durch einen rücksichtsvollen Umgang mit dem Versäumnis des Angestellten der Fall gewesen. Die damit verbundene Wahrung des eigenen Ansehens oder „Gesichts“ wird in China als „liu mianzi“ bezeichnet.

Die vierte Form des Umgangs in China ist das bewusste Hervorheben des Ansehens (Gesichts) eines anderen. Das wird als „jiang mianzi“ bezeichnet. Es wird als harmonieförderndes Verhalten sehr geschätzt. Darin spiegelt sich die starke soziale Komponente im chinesischen Alltag. Bei uns wird hingegen der Individualismus gestärkt. Wir würden selbstbewusst unsere eigenen Leistungen hervorheben. In China würde jemand anderes die Leistungen eines Kollegen loben, niemals er selbst.

Das moderne China und die Pflicht zur Gesichtswahrung

Die konfuzianische Denkweise wurde zeitweise verabschiedet, als China sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem Westen mehr öffnete. Mittlerweile sind die konfuzianischen Gesellschaftsregeln wieder angesagt. Der chinesischen Regierung geht es um eine harmonische Gesellschaft, die nicht aufmuckt.

Beobachtet man jedoch die Chinesen im Alltag, stellt man fest, dass diese Werte bei der chinesischen Bevölkerung zunehmend nicht mehr verinnerlicht werden. Das Gedrängel in der Shanghaier oder Pekinger U-Bahn ist in New York ebenso massiv. Das öffentliche Austragen von Disputen ist keine Seltenheit mehr. Man schreit sich öffentlich an. Solche Auseinandersetzungen finden immer ihr Publikum. Augenscheinlich haben sich die tradierten chinesischen Wertvorstellungen inzwischen dem Westen angepasst.

Angesehene chinesische Bürger werden heutzutage als „you mianzi“ bezeichnet. Angesehen ist man heute, wenn man reich ist und passende Prestige-Objekte vorzuweisen hat. Offiziell ist die traditionelle Strategie der Gesichtswahrung weiterhin wichtig. Vor allem in den Metropolen Chinas haben sich aber die westliche Lebensart und Denkweise durchgesetzt. Heute werden ärmere, wenig erfolgreiche Menschen in China als diejenigen betrachtet, die kein Gesicht haben.