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Unterschied zwischen Abendland und Morgenland


Vor 2000 Jahren bezeichneten die Römer den gesamten, damals bekannten asiatischen Raum als Orient. Das lateinische Wort „oriens“ bedeutet „Osten“. Es stammt vom lateinischen Wort „oriri“ ab und bedeutet übersetzt „sich erheben“. Der Osten ist also der Ort, an dem die Sonne aufgeht. Der Begriff Morgenland wurde das erste Mal von Martin Luther eingeführt. Er erwähnt in seiner Bibelübersetzung einen „Weisen aus dem Morgenland“.

Auch der Begriff „Okzident“ lässt sich aus dem Lateinischen herleiten. Das lateinische Wort „occidens“ bedeutet übersetzt „untergehen“ und steht für die westliche Himmelsrichtung, wo die Sonne untergeht. Die westlich von Rom liegenden lateinischsprachigen Provinzen wurden als Okzident zusammengefasst. Der Begriff Abendland wurde das erste Mal 1529 von Kaspar Hedio, ein Reformator, als geografisches Gegengewicht zum Morgenland Martin Luthers erwähnt.

Begriffe vom Morgenland und Abendland stammen aus Westrom

Beide Bezeichnungen, Abendland und Morgenland, beziehen sich auf die römische Sicht der Welt. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich diese Sichtweise jedoch eingeengt. Unter dem Orient verstanden die Menschen der Spätantike und des Frühmittelalters nur noch den kleinasiatischen und vorderasiatischen Raum. Das Weströmische Reich war 476 untergegangen. Ostrom bzw. das Byzantinische Reich verblieb als einzige europäische Großmacht bis zur Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453.

Nach dem Untergang von Byzanz breitete sich der Islam in das ehemalige christlich-orthodoxe Reichsgebiet aus. Der Orient rückte näher an Europa heran, denn die lateinische Christenheit, also die katholischen Länder Europas, betrachteten nun nicht mehr nur den arabischen Raum, sondern alle Länder mit islamischer Kultur als östliche Gegenspieler des Abendlandes. Als Gegenspieler wurden aber auch die christlich-orthodoxen Länder Ost- und Südeuropas angesehen, auf die der katholische Papst keinen Einfluss hatte. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die griechisch-orthodoxe Kirche deswegen auch als morgenländische Kirche bezeichnet.

Im Jahr 1529 wurde Wien das erste Mal von den Türken belagert, ein weiteres Mal 1683. Beide Belagerungen durch das Osmanische Reich waren erfolglos, aber die Fronten waren damit für Jahrhunderte festgelegt: Abendland gegen Morgenland, Okzident gegen Orient, Westen gegen Osten.

Die Abgrenzung zwischen Morgenland und Abendland war Geografie und wurde Kultur

Wo genau das Abendland beginnt und das Morgenland endet, ist nicht definiert. Während heutzutage die Festlandeuropäer aufgrund der vorherrschenden kulturellen Gegebenheiten den Nahen Osten bzw. Vorderasien als Orient bezeichnen, ist im englischen Sprachgebrauch damit der Ferne Osten gemeint, von Pakistan, Indien und China über Japan, Thailand und den Philippinen bis nach Indonesien. Diese Länder sind aus eurozentristischer Sicht weit im Osten, eben da, wo die Sonne aufgeht. Das Abendland hingegen versteht sich als eine Gemeinschaft von freiheitlichen, christlich geprägten Demokratien. Das geht so weit, dass heute die gesamte westliche Welt, also auch Nordamerika als Okzident bezeichnet wird.

Dass es sich bei den Bezeichnungen Abendland und Morgenland heutzutage um kulturelle und nicht um geografische Begriffe handelt, erklärt sich allein schon aus der Tatsache, dass „Osten“ und „Westen“ relativ sind. Aus nordamerikanischer Sicht müsste eigentlich Europa als Orient und Japan, Indonesien und so weiter als Okzident bezeichnet werden. Schließlich geht die Sonne immer im Osten auf und im Westen unter, unabhängig vom Standort des Betrachters.

Morgenland und Abendland als Abgrenzung zwischen Islam und Christentum

Ebenso wenig wie es ein einheitlich christliches Abendland gab, gab es einen einzigen europäischen Kulturraum. Es gab aber auch keinen einheitlichen islamischen Kulturraum. Es waren machtpolitische Konstrukte: das Christentum gegen den Islam. Okzident gegen Orient, Abendland gegen Morgenland – es sind Gegensatzpaare, um sich vom jeweils anderen abgrenzen zu können. Dies war auch der Grund, weshalb beispielsweise während des 19. Jahrhunderts Afrika und einige südeuropäische Länder als orientalisch bezeichnet wurden, etwa Spanien, Zypern oder Süditalien.

Von der ursprünglichen Richtungsangabe (nach Osten in Richtung Sonnenaufgang bzw. nach Westen in Sonnenuntergang) hin zu einem kulturellen Abgrenzungsbegriff vergingen einige Jahrhunderte. Nach dem Untergang Westroms verschoben sich die kulturellen Zentren Richtung Mittel- und Westeuropa. Dadurch rückte der Orient ebenfalls weiter Richtung Westen. Der Westen grenzte sich, vor allem kirchlich, immer mehr vom Osten und damit auch vom Byzantinischen Reich ab. Während des Hochmittelalters wurden deswegen auch die Gebiete der orthodoxen Ostkirchen als im Orient befindlich angesehen.

Christliche Weltkarten bildeten bis ins 15. Jahrhundert hinein den Osten oben ab. Die Karten wurden in Richtung Jerusalem ausgerichtet, das man zu dieser Zeit zusammen mit dem Paradies im Orient, also im Osten festlegte. Daher stammt die Redewendung „sich orientieren“, die wortwörtlich „sich nach Osten ausrichten“ bedeutet. Die katholische Kirche richtete nicht nur die Sakralbauten, sondern ganze Städte wie etwa Würzburg nach Osten in Richtung Orient aus. Der Orient war aus christlicher Sicht also eng verbunden mit einer Heilserwartung.

Der Abendlandbegriff schließt heute auch die christlich-orthodoxen ost- und südosteuropäischen Länder bis zum Bosporus mit ein. Selbst Istanbul hat heutzutage eine Brückenfunktion zwischen Abendland und Morgenland. Im heutigen deutschsprachigen Raum wird der Begriff Orient auf den Nahen Osten und die arabisch-islamische Welt bezogen, dazu zählen auch Nordafrika, die Türkei und Afghanistan. Im Englischen gehören auch noch die südostasiatischen Länder dazu.

Das Morgenland, eine Welt aus Tausendundeiner Nacht

Nach dem Rückzug der osmanischen Truppen aus Europa, nach der erfolglosen Belagerung Wiens im Jahr 1683, war die Gefahr einer Eroberung durch den „Osten“ scheinbar gebannt. Allmählich begann eine romantische Verklärung des Orients, von Ägypten bis China – in der Malerei, Literatur oder auch in der Architektur. Noch heute steht der Orient für Tausendundeine Nacht, für ein Traum von Weisheit und Magie, aber auch von Reichtum und Erotik. Das Morgenland dient den Menschen des Abendlandes aber nicht nur als Projektionsfläche für ein traumhaftes Leben und Sehnsüchte, sondern auch für Rassismen und Ängste. Gerade auch in neuerer Zeit.