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Byzantinische Kirchen: Merkmale und Unterschiede zu Kirchen Westroms


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Die Hagia Sophia im heutige Istanbul war während der zeit des byzantinischen Reiches die größte christliche Kirche

Die Unterschiede zwischen den Kirchen des west– und des oströmischen Reiches waren seit Beginn offensichtlich. Noch heute können sie in der Architektur gesehen werden. Diese Unterschiede stammen von unterschiedlichen Vorstellungen in der Architektur einerseits, aber auch in der Funktion des Innenraums andererseits. Die kirchliche Liturgie unterscheidet sich zwischen dem Römisch-Katholischen Glauben, der die mittelalterliche Welt des Westens dominierte und der Orthodoxen Kirche des Ostens. Warum aber entwickelte sich das Christentum so unterschiedlich, obwohl es doch derselbe staatliche Rahmen war, in dem es seit dem Toleranzedikt von 313 gedeihen konnte?

Am Anfang stand das Toleranzedikt von Mailand

Die ersten Jahrhunderte des Christentums gab es keine festen Kirchen. Am Anfang waren die christlichen Gemeinden zu klein, um größere, feste Bauten zu haben. Das Christentum wurde dazu von den Römern mit Argwohn beobachtet und seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. auch massiv verfolgt. Unter Diokletian kam es zu massiven Ausschreitungen gegen das Christentum und die Christenverfolgungen begannen.

In einer solchen Atmosphäre konnten Christen nicht öffentlich auftreten und sich zu erkennen geben. Sie trafen sich im Geheimen, vor allem in den Katakomben Roms. In der Peripherie des Römischen Reiches konnten sie allerdings etwas freier leben, aber auch hier gab es Verfolgungen. Der römische Staat, d.h. vor allem die Kaiser, sahen im Christentum eine Bedrohung der sozialen und wirtschaftlichen Ordnung des Reiches. Selbst die frühen Päpste mussten sich verstecken. Sie hatten keine Vorrangstellung gegenüber anderen Gemeinden im Reich.

Im Toleranzedikt von Mailand des Jahres 313 wurde das Christentum von den römischen Behörden anerkannt. Die Zeit der Christenverfolgungen waren vorbei. Kaiser Konstantin der Große selber konvertierte (kurz vor seinem Tod) zum Christentum. Allerdings wurde es erst unter Theodosius I. Zur Staatsreligion erklärt. Aber seit dem Toleranzedikt brauchten die Christen zumindest von offizieller Seite keine Verfolgung mehr zu fürchten. Es wurden die ersten festen und öffentlichen Versammlungsorte gegründet: die ersten Kirchen entstanden, sowohl in Rom als auch in Konstantinopel.

Hier liegt die Ursache für die unterschiedlichen Kirchenbauten in Ost und West. Während in Rom immer noch sehr viele Bürger der neuen Religion mit Argwohn begegneten, hatte es in Konstantinopel selten massive Ausschreitungen gegeben. Die Gemeinde war sehr angesehen. Als Konstantin der Große die Stadt 330 zu seiner Residenz machte, blühte sie unter dem Patriarchen von Byzanz/Konstantinopel auf. Nach dem Tode Konstantins wurde die Stadt Hauptstadt der oströmischen Hälfte des Reiches.

Abendland versus Morgenland: Unterschiedliche Ideen zur Architektur dominieren

Die christliche Gemeinde von Byzanz, dem späteren Konstantinopel, besaß intensive Kontakte in den Nahen Osten, also nach Judäa, Israel, Syrien und auch in den Norden Afrikas, wo die Koptische Kirche erstarkte. Es herrschte ein reger Austausch auf kulturellem Gebiet. Die ersten Kirchen orientierten sich dementsprechend an den dort bevorzugten Bauten. Es waren Saalkirchen, die einen großen inneren Raum aufwiesen, von denen meist vier kleine Seitenapsiden abgehen. Von oben betrachtet erscheinen diese Kirchen in Form eines gleichseitigen Kreuzes.

Die unter Kaiser Konstantin erbaute Kirche der Hl. Irene weist bereits diese Grundarchitektur auf. Weströmische Kirchen, die auf der antiken Basilika basieren, sind Hallenkirchen mit einer zentralen, langen Halle. Erst in späterer, romanischer Zeit erhalten sie die heute typische Kreuzform. Die Basilika war ein öffentlicher Verwaltungsbau der römischen Kaiserzeit. Die Christen in Rom orientierten sich daran, um nicht durch besondere Architektur zu viel Aufmerksamkeit zu erwecken. Im Osten dagegen, vor allem unter kaiserlichem Schutz, konnte die christliche Architektur ihre Pracht entfalten.

Der größte Unterschied zwischen West- und Ostkirche ist das Dach. Im Westen wurden auf die Hallen einfache Dächer, Satteldächer oder Flachdächer aufgesetzt. Im Osten dagegen dominiert über dem Zentralbau eine Kuppel. Erst im 6. Jahrhundert gelang es byzantinischen Architekten, diese Kuppelform zu kontrollieren. Die Kuppel liefert ein gewaltiges Gewicht auf die tragenden Wände. Diese müssen sehr verstärkt werden, um einen Einsturz zu verhindern. Schon in vorchristlicher Zeit wurden in der römischen Architektur Kuppeln verwendet, zum Beispiel im Pantheon.

Für die Saalkirchen des Ostens bieten sich diese Kuppeln sehr gut an, da nur wenig Platz für Dachkonstruktionen ist. Die Kuppel erhöht die Ästhetik des Baus und bietet mehr Innenraum. Perfektioniert wurde der Kuppelbau unter Justinian mit der Errichtung der Hagia Sophia, der bis in die moderne Zeit größten Kirche des Christentums.

Auch im Inneren gibt es Unterschiede

Auch im Inneren unterscheiden sich die Byzantinischen Kirchen sehr von den weströmischen. Bereits sehr früh wurden Mosaike und Fresken mit Jesus als zentraler Figur an den Innenwänden und im Kuppelbereich angebracht. Vor allem der Iesus Pantokrator, Jesus als Herrscher über die Welt, ist ein zentrales Element in byzantinischen Kirchen und findet sich in Konstantinopel und Ravenna.

In westlichen Kirchen dagegen herrschte Schmucklosigkeit vor, da Jesus nicht dargestellt werden durfte. Erst im Mittelalter ändert sich dies. Der Alter in den Ostkirchen steht zentral, während er in westlichen Kirchen vor der Apsis steht bzw. in dieser untergebracht ist. Während also in der Ostkirche der Blick von allen Seiten in das Zentrum mit dem Altar möglich ist, erfolgt er in den Westkirchen von Westen aus (dort liegt meist auch der Eingang) nach Osten (wo die Apsis ist).

1453 war nicht das Ende der Byzantinischen Kirchen

Die Saalkirche blieb das zentrale Element des östlichen Christentums. Auf dem Gebiet des Byzantinischen Reiches wurden zwar auch Hallenkirchen und Basiliken gebaut, aber die wichtigsten Kirchen waren die Saalkirchen in Kreuzform und Kuppel. Sie blieben fast tausend Jahre die dominante Architekturform, auch wenn sowohl Innen- als auch Außenraum durchaus stilistische Veränderungen aufwiesen. Die oströmische, beziehungsweise byzantinische Kirche, war bei Kunst und Architektur erheblich konservativer als der Westen.

Im Abendland trugen die verschiedenen europäischen Kulturen zu einer Vielfalt der Kirchenbauten bei: in der Antike Rom, später im Mittelalter das Heilige Römische Reich und in der Gotik Frankreich. Konstantinopel blieb im Osten stets die dominierende Macht, auch auf dem Gebiet der Kultur. Hier kam es deswegen zu weniger starken Veränderungen. Dennoch lassen sich auch hier durchaus Stile herausarbeiten.

Als die Türken Konstantinopel 1453 eroberten, war dies das Ende des Byzantinischen Reiches. Die Hagia Sophia wurde zur Moschee umgewandelt. Die byzantinische Architektur jedoch endete nicht. Die Türken und auch die Araber übernahmen sehr viele Stil- und Architekturelemente. So basiert der Felsendom in Jerusalem ebenso auf byzantinischen Ideen wie das Architekturkonzept der meisten Moscheen. Die Idee der Kuppel als zentrales Element findet sich bis nach Zentralasien streuend in der islamischen Architektur.

Aber auch europäische Kulturen, vor allem die der orthodoxen Kirche, haben sehr vieles von den Byzantinern übernommen. Die typischen Kirchenformen Russlands oder Ungarns basieren auf der Tradition Konstantinopels und imitieren Architekturelemente der Hagia Sophia oder anderer Kirchen. So lebt die Tradition byzantinischer Kirchen bis heute fort.


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