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Geschichte des Ruhrgebiets


Zeche Vollmond Bochum

Historische Ansicht der Zeche Vollmond um 1900 in Werne (Bochum)

Die Geschichte des Ruhrgebiets beginnt vor etwa 300 Mio. Jahren als die Kohle entsteht, welche maßgeblich für den wirtschaftlichen Aufschwung des Ruhrgebiets sorgen wird. In der deutschen Geschichte nimmt das Ruhrgebiet eine Sonderstellung ein, da es in verschiedenen Phasen und Epochen maßgeblich für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes verantwortlich war. So wurde das Ruhrgebiet auch als Motor der deutschen Wirtschaft, als Rüstungsschmiede des Reiches oder als Rückgrat der Nation bezeichnet.

Inhalt

Vor etwa 300 Mio. Jahren: Entstehung der Kohle

Auf dem damaligen Urkontinent Laurussia lagern sich vor etwa 300 Mio. Jahren abgestorbene Pflanzenteile ab. Damals wuchsen Bärlappgewächse, welche viel größer waren als heutige. Auch riesige Farne und Schachtelhalme wachsen, sterben irgendwann ab und sinken in den sumpfigen Boden.

Im Laufe der Jahrtausende bedecken neuere Sedimentschichten die abgestorbenen Pflanzen. Wärme und Druck von oben wirken auf das Innere des Erdreichs. Nach weiteren Jahrtausenden entsteht ein schwarzes Gestein, welches wir als Kohle kennen. Diese Kohle hält die einstige Wärmeenergie als potentielle Energie im Inneren gespeichert und kann als Energieträger genutzt werden.

Urgeschichte

Altsteinzeit vor etwa 80.000 Jahren

Während der Altsteinzeit siedelten Neandertaler im Gebiet des heutigen Ruhrgebiets. Aufgrund dessen, dass es während der Altsteinzeit stets Klimaänderungen gab, siedeln die Neandertaler und andere Steinzeitmenschen nur in den wärmeren Perioden im Ruhrgebiet. In den Kaltphasen ziehen sie nach Süden, leben dort über Jahrhunderte und treffen vor 45.000 Jahren auf die ersten Jetztmenschen, welche aus Afrika auswanderten.

Mittel- und Jungsteinzeit vor etwa 12.000 Jahren

Das Ende der letzten Eiszeit ist zugleich der Beginn der Mittelsteinzeit in Europa. Die Kältesteppen verschwinden und Wälder breiten sich aus, welche heute noch bestehen. Der Neandertaler ist bereits ausgestorben und die Jetztmenschen besiedeln wieder Westeuropa und dringen bis nach Nordeuropa vor.

Ab 5000 v.Chr. setzt die Neolithische Revolution in Westeuropa und auf dem Gebiet des heutigen Ruhrgebiets ein. Die Menschen geben die Nomadenkultur der Steinzeit auf und leben fortan als Ackerbauern und Viehzüchter. Verbreitet wird die Agrarkultur durch die Linearbandkeramische Kultur, die Rössener Kultur und die Michelsberger Kultur.

Bronzezeit vor etwa 4.000 Jahren

Die Bronzezeit begann im Ruhrgebiet etwa im 2. Jahrtausend v.Chr. als erste Waffen und Werkzeuge aus Bronze in diesem Gebiet auftauchten.

Ab 800 v.Chr.: Germanische Besiedlung des Ruhrgebiets in der Eisenzeit

Die Urgermanen kamen wohlmöglich aus dem Osten, siedelten in Polen und breiteten sich nach Westen aus. Die endgültige Besiedlung des Ruhrgebiets durch germanische Stämme ist zwischen 800 und 400 v.Chr. abgeschlossen. Um neue Gebiete weiter westlich besiedeln zu können, überquerten die Germanen den Rhein und breiteten sich auch am linken Rheinufer aus.

Die Germanen verdrängten links des Rheins die dort ansässigen Kelten, welche fortan westwärts und nordwärts auswichen.

Altertum

Während des Altertums entstand am Mittelmeer ein neuer Kulturraum, welcher mit der Gründung der Stadt Rom begann, dann Randgebiete erfasste und schließlich die dominierende Kultur im Mittelmeerraum wurde.

Dieser Kulturraum bzw. diese Epoche wird in der Geschichte als Antike bezeichnet. Geprägt wurde die Antike zuerst durch die Griechen und später durch das Römische Reich. Letzteres expandierte nach Norden und erschlossen dort neue Gebiete. Fortan kam es zu Auseinandersetzungen mit den Galliern, welche links des Rheins siedelten und später auch mit den Germanen rechts des Rheins.

Im Jahr 9 n.Chr.: Varusschlacht zwischen Germanen und Römern

Im Jahr 9 n.Chr. zogen Militärverbände des Römischen Reichs nördlich der Ruhr ans Ufer der Lippe. Die Germanen, welche in der Vergangenheit unter der römischen Einflussnahme litten, schlossen sich zusammen. Unter Führung des Etruskerfürsten Arminius kämpften und schlugen die Germanen mehrere römische Heerverbände bei einer Schlacht, welche wohlmöglich im Teutoburger Wald stattfand.

Als der römische Heerführer Publius Quinctilius Varus begriff, dass er die Schlacht verlieren würde, nahm er sich während der Schlacht selbst das Leben. Die germanischen Stämme siedelten fortan weiter am rechten Rheinufer.

In der Folgezeit kam es zu mehreren Auseinandersetzungen mit römischen Legionen. Die Schlacht im Teutoburger Wald selbst ging als Gründungsmythos in die deutsche Geschichte ein. Das Denkmal des Arminius bzw. des Hermanns steht bei Detmold im Teutoburger Wald. (Siehe Hauptartikel zur Varusschlacht)

Bis 5. Jahrhundert: Dauerhaft germanische Besiedlung besteht am rechten Rheinufer

Aufgrund der Niederlage zogen sich in der Folgezeit die römischen Truppen vom rechten Rheinufer zurück. Ein Limes wurde erbaut, welcher das Römische Reich vom Germanenreich (Germania) auch optisch trennte. Bis ins 5. Jahrhundert beherrschten die Germanen das rechte und die Römer das linke Rheinufer.

Schon im 4. Jahrhundert kam es zu mehreren Krisen im Römischen Reich. Im Jahr 395 n.Chr. teilte sich das Reich in Westrom und Ostrom auf. Fortan gab es das weströmische Reich mit Rom als Hauptstadt und das oströmische Reich mit Byzanz als Hauptstadt.

Im Jahr 476 n.Chr. fiel das weströmische Reich, da verschiedene germanische Stammesverbände – wie die Langobarden oder die Franken – immer wieder einfielen. Da man diese Einfälle nicht kontrollieren konnte, rebellierte bald das Militär. Der römische Offizier Odoaker kam an die Macht, bevor die Ostgoten (ebenfalls Germanen) diesen töteten.

Auf Teilgebieten des ehemals weströmischen Reichs gründeten die Franken im 5. Jahrhundert das Frankenreich.

Mittelalter

Um 738: Fränkische Eroberungen

Der fränkische Heerführer Karl Martell führt Krieg gegen die germanischen Sachsen. Später werden auch die westgermanische Alemannen und die Mainfranken ins Frankenreich eingegliedert.

Etwa 775: Karl der Große gliedert die Germanen ein

Martells Enkel, Karl der Große, machte es sich zur Aufgabe das Christentum auch auf der rechten Rheinseite zu verbreiten. Die Verbreitung des Christentums erfolgt durch Eroberung und Zwangschristianisierung. Im Jahr 775 erobert Karl der Große die Hohensyburg (Dortmund) und die Eresburg.

In der Folge entstehen im Gebiet um Ruhr und Lippe die ersten Reichshöfe, burgähnliche Anlagen mit Unterkünften, Kirchenanlagen und Speicherräumen. Diese werden die Keimzellen für spätere Städte, wie Duisburg, Dortmund oder Essen.

Ab 845: Der Stift Essen entsteht

Um 845 entsteht der Frauenstift in Essen, welcher maßgeblich zur späteren Stadtentwicklung beitrug. Um 970 übernimmt Mathilde, die Enkelin von Otto dem Großen, den Frauenstift und führt diesen zu einer Blütezeit. In ihrer rund 40-jährigen Amtszeit gewinnt der Frauenstift an überregionalen Ansehen hinzu und zahlreiche Kunstwerke werden als Kirchenschatz angehäuft.

Im Jahr 1041 erhielt der Stift Essen ein eingeschränktes Marktrecht, wonach um den 27. September ein sechstägiger Markt zu Ehren des Schutzpatron Cosmas und Damian abgehalten werden durfte.

Ab 1232: Dortmunder Jahrmarkt entsteht

Im Jahr 1232 führte Dortmund einen Jahrmarkt ein, welcher fortan zweimal im Jahr abgehalten werden durfte.

Der alljährliche Jahrmarkt zwischen Christi Himmelfahr und Pfingsten bestand bereits. Doch im Jahr 1231/32 kam es zu einem riesigen Stadtbrand, welcher fast die gesamte Stadt zerstörte. In der Folge beantragten die Dortmunder beim König ein Recht darauf, einen zweiten Jahrmarkt abhalten zu dürfen, um die Wirtschaft der Region anzutreiben. Der König gestattete den zweiten Jahrmarkt und Dortmund erhielt das zusätzliche Privileg.

In der Folge floriert Dortmund auch deshalb, weil die Stadt an der Kreuzung zweier Handelswege liegt. Der Westfälische Hellweg aus dem in den 1970-er Jahren die Bundesautobahn A 40 entstand, führte durch die Städte Dortmund, Duisburg, Moers, Mühlheim-Ruhr, Essen und Bochum.

Durch den zweiten Jahrmarkt wurde Dortmund in der Folgezeit häufiger besucht und entwickelte sich zur bedeutendsten Handelsstadt zwischen Lippe und Ruhr. Schon bald steigen die Dortmunder Kaufleute in die westfälische Hanse auf, bevor Köln die westfälisch-preußische Hanseführung übernimmt.

Etwa 1296: Kohleabbau beginnt

Man geht zwar davon aus, dass die Steinkohle schon vor 1296 abgebaut wurde – doch in diesem Jahr wurde dies erstmalig urkundlich erwähnt. In diesem Jahr erhielt ein Bergarbeiter das Dortmunder Bürgerrecht und wurde zum ersten Bergmann der Stadt und somit wurde der Beruf erstmalig schriftlich erwähnt.

Zu dieser Zeit wurde die Steinkohle lediglich an der Oberfläche abgebaut. Tiefere Stollen entstanden erst im 16. Jahrhundert.

Ab 1288: Die Grafschaft Mark löst sich von Köln

Die Grafschaft Mark war ein Territorium des Heiligen Römischen Reiches mit Städten – wie Bochum, Lüdenscheid, Wattenscheid, Castrop, Iserlohn oder Hamm. Im 12. Jahrhundert wurde die Mark ans Kölner Erzbistum angeschlossen und seitdem von Köln aus regiert.

In der Schlacht von Worringen (1288) kämpfte Graf Eberhard I. von Mark gegen das Erzbistum, welches bis dahin die Vorherrschaft in Westfalen genoss. Eberhard und seine Verbündeten waren siegreich und die Grafschaft Mark wurde in der Folge politisch unabhängig von Köln.

In den nachfolgenden Jahren wurden zahlreiche Gebiete erworben, wodurch die Grafschaft Mark weiter anwuchs.

Im Jahr 1388: Große Dortmunder Fehde

Zwischen 1388 und 1389 wurde die Stadt Dortmund, welche damals schon Reichsstadt und somit auf dem Reichstag vertreten war, belagert. Die Belagerer waren ein Zusammenschluss von 20 Städten der Grafschaft Mark und des Erzbistums Köln.

Am 22. November 1389 kam es zum Friedensschluss. Die Stadt Dortmund hatte sich gegen 1.200 Soldaten behaupten können, wurde nicht erobert – musste aber eine erhebliche Geldsumme zahlen. Trotzdem fühlten sich die Dortmunder als Sieger. In der Folgezeit entstand ein Siegermythos in Dortmund und die Redensart: „So fest wie Dortmund“ (so fast as dörpen) entstand.

In der Folge wuchs der Einfluss der Grafschaft Mark in Westfalen weiter und Dortmund, welche 7.000 Gulden an Mark und Köln zahlen musste, erlitt wirtschaftlichen Schaden.

Ab 1391: Vereinigung der Grafschaft Mark und Kleve

Als der damalige Graf von Mark 1391 an der Pest starb, hinterließ er keinen Erben. Deshalb wurde sein Bruder, namens Adolf von der Mark, welcher seit 1368 bereits Graf von Kleve war, zum neuen Regenten der Mark. Fortan wurde Kleve und Mark als Personalunion geführt.

Ab 1417 stieg Kleve als Herzogtum auf und die Stadt Soest fiel als Folge der Soester Fehde (1444-49) ebenfalls dem Herzogtum zu. Der damalige Herzog Johann I. beherrschte somit die Mark, Soest und Kleve – was ein Großteil des späteren Ruhrgebiets ausmachte.

Neuzeit

Ab 1521: Jülich und Berg gehen ins Herzogtum Kleve Mark ein

Mit dem Tod Johann II. (1521) wurde sein Sohn zum neuen Herzog. Dieser heiratete bereits 1510 die Erbtochter von Jülich und Berg. Die Verlobung wurde arrangiert als Johanns Sohn gerade sechs Jahre alt war und Maria, die Tochter des Herzogs von Berg, gerade einmal fünf Jahre alt war.

Die Hochzeit wurde 14 Jahre später am 1. Oktober 1510 vollzogen. Durch den Tod Johanns II. kam dessen Sohn, nun bereits Herzog von Berg und Jülich, auch an die Herrschaft von Kleve-Mark. Die Klever Union fand 1521 statt, indem Kleve-Mark zu Jülich-Kleve-Berg wurde. Durch diese Union wurde der Erbe zu einem der mächtigsten Reichsfürsten im Heiligen Römischen Reich.

Zwischen 1573-79: Erbheiraten nach Brandenburg und in die Pfalz

Der römisch-deutsche Kaiser Karl V. erließ 1546 ein Gesetz, wonach auch die Tochter ein Herzogtitel erben konnte. Fortan wurden Herzogstöchter verheiratet, um so das jeweilige Adelsgeschlecht mittels Hochzeit mehr auszubreiten. Der damalige Herzog von Jülich-Kleve-Berg, namens Wilhelm der Reiche, verheiratete zwischen 1573 und 1579 seine drei Töchter nach Brandenburg und in die Pfalz.

  • Marie Eleonore heirate Albrecht Friedrich von Brandenburg
  • Anna heiratete Philipp Ludwig von Pfalz-Neuburg
  • Magdalene heiratete Johann I. von Pfalz-Zweibrücken

Sein Sohn Johann Wilhelm verblieb im Herzogtum und wurde ab 1592 bis zu seinem Tod (1609) der Regent. Aber dieser war wohlmöglich geisteskrank, heirate zwar die Markgräfin von Baden und später auch die Erbtochter von Lothringen. Doch die Ehen blieben kinderlos.

Ab 1609: Beginn der preußischen Herrschaft und Teilung

Johann Wilhelm, Herzog von Kleve, Jülich und Berg – sowie Graf von Mark – stirbt im Jahr 1609 kinderlos. Da nun keine Erbe vorhanden war, beanspruchten andere Herzogtümer die Nachfolge. Durch die vorherigen Hochzeiten begannen die Brandenburger und Pfälzer ihr Aufbegehren und so begann der Jülich-Klevische Erbfolgestreit, welcher bis 1672 andauerte.

In diesen Jahren kam es zu größeren kriegerischer Auseinandersetzungen mit Brandenburg (Kurfürstentum), welches ab 1618 ebenfalls als Brandenburg-Preußen in Personalunion geführt wurde. Die preußischen Brandenburger konnten den Erbfolgekrieg für sich entscheiden und große Teile des Ruhrgebiets gingen an brandenburgisch-preußische Herzogtum (später Königreich Preußen).

Ab 1609: Politische und kulturelle Zerklüftung

Dadurch, dass Brandenburg-Preußen nun die Vorherrschaft in Jülich-Kleve-Berg und dem Fürstentum Mark innehatte, wurden große Teile des Ruhrgebiet von Berlin oder Potsdam aus regiert. Andere Gebiete gehörten zur Reichsstadt Dortmund, zum Stift Essen, zum Vest Recklinghausen oder unterstanden dem Erzbischof von Köln.

Mit der Teilung wurden auch andere Maßeinheiten, Gewichtseinheiten und Münzwährungen eingeführt. In einigen Teilen des Ruhrgebietes wurde die preußische Verbindung gefeiert, in anderen Gebieten herabgewürdigt. Im 19. und 20. Jahrhundert entstandene Fußballvereine tragen die preußische Tradition im Namen:

  • Borussia Dortmund (Borussia = neulateinisch für Preußen) wurde 1909 gegründet
  • Borussia Mönchengladbach (gegründet 1900 als FK Borussia)
  • Preußen Münster (gegründet 1906 als FC Preußen)

Die preußische Vorherrschaft im Ruhrgebiet wird bis zum Ende des Ersten Weltkrieges (1918) andauern, da auch das Deutsche Reich einem preußischen König unterstand. Erst durch die Novemberrevolution (1918/19) wurde die Monarchie in ganzem Deutschen Reich aufgehoben und durch die Weimarer Republik ersetzt.

Im Jahr 1758: Das erste Eisenwerk des Ruhrgebiets entsteht in Oberhausen

In Osterfeld (heute Stadtteil von Oberhausen) gründete 1758 der damalige Domherr zu Münster Franz von Wenge das erste Eisenwerk des Ruhrgebietes. Das Werk bestand aus Hochofen, Gießereien und Formereien. Es wurde als St. Antony-Hütte bezeichnet und ist 1877 stillgelegt worden.

Ab 1758: Wiege der Ruhrindustrie und Hüttenindustrie

Die St.-Antony-Hütte in Oberhausen gilt als Wiege der Ruhrindustrie. Schnell entstanden andere Werke in direkter Nachbarschaft, wie Gute Hoffnung (1782) und Neu Essen (1791).

In der Folgezeit setzte die Industrialisierung ein und wo bisher nur Ackerbau und Viehzucht betrieben wurde, entstanden neue Industrieanlagen für die Stahlindustrie. Recht schnell wanderten Pioniere aus Nachbarländern ein.

Eine dieser Pioniere war Helene Amalie Krupp, geborene Ascherfeld. Als ihr Mann Friedrich Jodocus Krupp (1706–1757) starb, hinterließ er ihr einen Warenladen. Als geschickte Geschäftsfrau kaufte sie Produktionsstätten dazu, bald auch Handelsräume und Lagerhallen. Schnell mehrte sie ihr Vermögen und hinterließ es ihren Nachkommen.

Amalies Enkel, Friedrich Krupp (1787–1826), baute mit diesem Vermögen sein erstes Stahlwerk auf. Die Krupp-Dynastie – aus welchem später die Thyssenkrupp hervorging – wurde im 18. und 19. Jahrhundert zu einer der einflussreichsten und reichsten Familien des Ruhrgebiets.

Ab 1766: Neue Bergordnung

Am 29. April 1766 erließ Friedrich II. (der Alte Fritz) eine neue Bergordnung für die preußischen Gebiete Kleve, Mark, Moers. Dadurch wurde der Abbau von Kohle und Mineralien stärker reglementiert und preußische Beamte sollten die Geschäftsführung in den Zechen übernehmen. Diese setzten feste Arbeitszeiten und Löhne für die Bergarbeiter fest.

Gleichzeitig wurden die Besitzer der Bergwerke weitestgehend aus dem Geschäftsbetrieb ausgeschlossen, standen aber als Investoren weiterhin zur Verfügung und erhielten Gewinne aus ihren Zechen.

Der preußische Staat sorgte dafür, dass Knappschaftskassen eingerichtet wurden – welche bei Unfall weiterhin Lohnfortzahlungen leisten. Auch die Behandlungskosten werden fortan durch die Knappschaftskassen gedeckt. Finanziert wurden diese Kassen durch Mitgliedsbeiträge und Gewinne aus den Zechenbergwerken.

Zwischen 1773 und 1780: Ausbau der Ruhr

Insgesamt 16 Schleusen wurden entlang der Ruhr gebaut. Die letzte Schleuse wurde 1780 fertiggestellt, wodurch die Ruhr etwa 100 Flusskilometer schiffbar wurde. Von der Rheinmündung bis nach Langschede konnten nun Transportschiffe fahren, wodurch der Flussverkehr deutlich anstieg und die Bedeutung des Ruhrverkehres wuchs. Die Schiffe transportierten nun Kohle von den Zechen des Ruhrgebiets bis in die Niederlande.

Ab 1782: Gründung der Gutehoffnungshütte

Die Hütte „Gute Hoffnung“ wurde 1782 in direkter Nachbarschaft zur St.-Antony-Hütte in Oberhausen gegründet. Später kam die Hütte „Neu-Essen“ in direkter Nähe hinzu.

Finanziert wurden die Hütten durch Maria Kunigunde aus Sachsen, welche den Fachmann Gottlob Jacobi einstellte, der den Betrieb modernisierte. Die Investorin zog sich irgendwann aus dem Geschäft zurück und Jacobi wurde ab 1799 selbst zum Anteilseigner. Später investierte auch die Familie Haniel in die Hüttengesellschaft.

Neustrukturierungen sorgten dafür, dass Investoren angelockt wurden und aus dem einstigen Hüttenwerk entstand ein Aktienverein für Bergbau und Hüttenbetrieb (kurz GHH). Im 19. Jahrhundert folgte der Wandel zum Maschinenbau-Konzern. Und im 20. Jahrhundert war die Gutehoffnungshütte der größte Anlagenbauer Europas. Aus der Gutehoffnungshütte gingen weitere Konzerne, wie MAN, Deggendorfer Werft und Eisenbau oder die Deutsche Werft hervor.

Ein Betrieb, welcher ebenfalls hervorging, ist die Franz Haniel & Cie. – ein Mischkonzern, welcher vollständig im Familienbesitz der Familie Haniel verblieben ist. Der Aktienverein für Bergbau und Hüttenbetrieb (kurz GHH) wird im Volksmund auch als Gehört Hauptsächlich Haniel bezeichnet.

Ab 1802: Einsatz erster Dampfmaschinen

Im Juni 1802 geht in der Zeche Vollmond in Werne (Bochum) die erste Dampfmaschine im Steinkohlebergwerk an der Ruhr in Betrieb. Fortan wird Grundwasser aus dem Schacht gepumpt und umgeleitet. Spätere Dampfmaschinen werden Tiefenwasser aus den Schächten pumpen und so dafür sorgen, dass die Bergarbeiter in tiefere Erdschichten vordringen können.

1799 bis 1815: Die Napoleonische Ära

Während der Napoleonischen Kriege wurde das linke Rheinufer von Frankreich besetzt und annektiert. Fortan wurden Dekrete erlassen, um die französische Wirtschaft zu stärken. So wurde bspw. der Anbau, die Einfuhr und die Verarbeitung von Tabak verboten, wodurch in Duisburg circa 15 % der Bevölkerung sofort arbeitslos wurden.

Napoleon schaffte es durch solche Maßnahmen, die französische Tabakindustrie anzukurbeln, wodurch aber die Industrie im Ruhrgebiet litt. In der Folge kam es 1813 zu einem Aufstand gegen das Besatzungsregime. Die napoleonischen Truppen konnten den Aufstand niederschlagen und die 17 Anführer wurden hingerichtet.

Im Zuge der Befreiungskriege kam es 1813 zur Völkerschlacht bei Leipzig, wo die französischen Truppen auf Russland, Preußen, Schweden, Österreich und England trafen und unterlegen waren. In der Folge zogen sich die napoleonischen Truppen bis hinter das linke Rheinufer zurück, wurden aber von der Koalition verfolgt.

Jubelnd wurden die Russen zunächst als Befreier im Ruhrgebiet empfangen. Im nachfolgenden Winter bezogen die Soldaten dann Quartier entlang des Rheinufers. Unter ihnen waren Russen (Kosaken), Schweden, Preußen und andere. Aber die russischen Soldaten hinterließen im deutschen Geschichtsgedächtnis einen Eindruck, weshalb dieser Winter als Kosakenwinter in deutscher Geschichtserzählung in Erinnerung bleiben wird.

Winter 1814/14: Kosakenwinter

Der Winter 1813/14 wird als Kosakenwinter bezeichnet, da sich die russischen Kosaken in zahlreichen deutschen Städten einquartierten. Oft kam es zu Brandschatzungen und Plünderungen. Als die Russen dann 1814 weiter westwärts Richtung Frankreich zogen, hinterließen sie ein ausgebeutetes Land.

Im Jahr 1815: Wiener Kongress und Neuordnung des Ruhrgebiets

Im Wiener Kongress wurde die Neuordnung Europas nach den Napoleonischen Kriegen diskutiert. Preußen sollte als Bollwerk gegen das napoleonische Frankreich dienen und deshalb wurde das Ruhrgebiet unter preußischer Krone gestellt. Nun war das ganze Gebiet preußisch und die Jahre der Teilung waren vorbei.

Ab 1834: Durchstoß der Mergeldecke

Die Mergelgrenze ist eine Linie nördlich der Ruhr, welche den Steinkohleabbau des Ruhrgebiets in zwei Gebiete trennt. Im Norden der Mergelgrenze nimmt die Gesteinsschicht (Mergel) deutlich zu. Das Mergelgestein ist sehr wasserführend, weshalb Pumpen das Grubenwasser stets abpumpen müssen.

Die Erkenntnis, dass das unterirdische Steinkohlegebirge eine Mergelgrenze hat – prägte den Abbau. So finden sich Steinkohleabbaugebiete meist im Süden der Mergelgrenze und falls im Norden gegraben wurde, sinkt das Gebiet zunehmend ab.

Das Durchstoßen der Mergelschicht war ebenfalls eine Herausforderung für die Bergbauarbeiter. Lange galt die harte Schicht aus Ton und Kalk als unüberwindbar. Und so beschränkten sich die Bergarbeiten lange nur auf die südlichen Ruhrgebiete.

Doch 1834 durchstoßen Bergarbeiter, welche von Franz Haniel bezahlt worden, diese Mergeldecke und können das darunterliegende Kohlevorkommen abbauen. Damit hat Haniel den Beweis erbracht, dass das lange für unmöglich gehaltene Durchstoßen der Mergeldecke doch möglich ist.

In den Folgejahren wird diese Errungenschaft zu Haniels Erfolgsgrundlage. Denn die darunterliegende Fettkohle hat einen höheren Kohlenstoffgehalt und eignet sich zur Herstellung von Koks.

Fortan können Hochöfen damit befeuert werden, was wiederum in der Eisenindustrie gebraucht wird. Das Durchstoßen der Mergelschicht schafft somit die Verbindung zwischen Kohleindustrie und Eisen- bzw. Stahlindustrie, welche das Ruhrgebiet in den nachfolgenden Jahren ausmachen wird.

Ab 1846: Eisenheim als erste Arbeitersiedlungen entsteht

Die Siedlung Eisenheim gilt als älteste Arbeitersiedlung des Ruhrgebiets, steht heute unter Denkmalschutz und befindet sich in Oberhausen. Errichtet wurde diese ab 1846 für die Bergarbeiter der Gutehoffnungshütte. Ziel war es, die arbeitende Bevölkerung in der Nähe des Werkes zu haben, bezahlbaren Wohnraum anzubieten und die Bergarbeiter ans Bergwerk zu binden.

Siedlung Eisenheim Luftaufnahme

Siedlung Eisenheim aus der Luft

Schnell ziehen Zechenbetreiber nach und es entstehen im ganzen Ruhrgebiet die sogenannten Zechenkolonien. Die Reihenhäuser waren zweigeschossig mit vier Wohneinheiten. Zum Haus gehörte ein Garten und ein Schuppen.

Dieser geschaffene Wohnraum sprach sich auch im restlichen Preußen rum und ab 1871 kamen circa 700.000 Zuwanderer ins Ruhrgebiet.

Februar 1847: Zeche Zollverein bzw. Eifelturm des Ruhrgebiets

Die Zeche Zollverein wird auch als Eifelturm des Ruhrgebiets bezeichnet und befindet sich im Norden Essens. Die Zeche entstand auf Wirken von Franz Haniel und trägt den neugegründeten Zollverein im Namen. Im Februar 1847 erfolgte der erste Spatenstich und vier Jahre später die Inbetriebnahme.

Zeche Zollverein in Essen

Zeche Zollverein, tichr / Shutterstock.com


Begonnen wurde mit dem Abbau von circa 13.000 Tonnen Kohle. Bis 1890 wurde das Volumen auf eine jährliche Menge von 1 Mio. Tonnen erhöht. Dies ist weitaus mehr als in jedem anderen Kohlebergwerk im Ruhrgebiet. Betriebsbeginn war 1851, Betriebsende war 1986 und seit 2001 gehört die Zeche zum Welterbe der UNESCO.

Oktober 1847: Erste Dampfeisenbahn Duisburg-Hamm

Die erste Teilstrecke der Dampfeisenbahn wurde bereits am 20. Dezember 1845 eröffnet. Sie führte von Deutz nach Düsseldorf. Am 9. Februar 1846 wurde die nächste Teilstrecke bis Duisburg eröffnet. Und am 15. Mai 1847 wurde Hamm an die Strecke angeschlossen und im Oktober 1847 auch Minden.

Von 1851 bis 1865: Reformen der Berggesetze

Die 1766 beschlossene Bergordnung sorgte dafür, dass sich der preußische Staat in die Zechenwirtschaft einbringen konnte. Diese Regelung wurde ab 1851 wieder zurückgenommen.

Im sogenannten „Miteigentümergesetz“ wurde der Einfluss des Staates auf die Zechen gedrosselt. Weitere Gesetze folgten bis 1865. Am Ende zieht sich der Staat vollständig aus den Bergwerken zurück und überlässt Führung, Kontrolle und Strategie wieder vollkommen den Eigentümern.

Die Unternehmer können nun frei über Investitionen entscheiden, aber auch Löhne und Gehälter frei bestimmen, sowie Entlassungen beschließen. Der Schutz durch den Staat ist für die Bergleute aufgehoben.

Ab 1859: Das Ruhrgebiet wird zur Waffenschmiede des Reiches

Alfred Krupp liefert mehr als 300 Geschützrohre aus seiner Essener Waffenschmiede an die preußische Armee. Diese Rohre garantieren eine höhere Reichweite und größere Durchschlagskraft als die bisherigen Bronzerohre. In den Folgejahren wird die Krupp-Dynastie ihre Rüstungsindustrie ausweiten und die Krupp-Gussstahlfabrik wird zu einem der größten Waffenproduzenten Europas.

Geschützrohre von Krupp machten einen Unterschied im Deutsch-Französischen Krieg (1870-71) aus, was Alfred Krupp den Beinnamen „Kanonenkönig“ einbrachte. Das Ruhrgebiet steigt in den Folgejahren zur Waffenschmiede des Reiches auf.

Deutsche Reich

Im Deutschen Reich erlebte das Ruhrgebiet einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Viele Zuwanderer zogen aus dem In- und Ausland zu, da im Ruhrgebiet genügend Arbeitskräfte gesucht wurden. Der Fußball als Massensport entsteht, wird gefördert und schafft es, dass Ausländer und Einheimische ein Wir-Gefühl entwickeln. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs erlebt das Ruhrgebiet eine kulturelle und wirtschaftliche Blütephase.

Im Jahr 1871: Reichsgründung und Investitionsschub

Der Deutsch-Französische Krieg endete 1871 mit einer Niederlage Frankreichs. Das Deutsche Reich wird gegründet, an dessen Spitze der preußische König als deutscher Kaiser steht (Wilhelm I.).

Preußen hat sich seit 1806 (Niederlage gegen Napoleon) von einem Agrarstaat in einen Industriestaat gewandelt. Das Ruhrgebiet wurde in dieser Zeit zum wirtschaftlichen Motor des preußischen Staates und wird es im Deutschen Reich bleiben.

Aufgrund der Niederlage muss Frankreich Reparationszahlungen an das Deutsche Reich leisten. Diese Zahlungen werden als Investitionen ins Ruhrgebiet gesteckt, wodurch die Industrialisierung nochmals beschleunigt wird. Zwischen 1870 und 1873 steigt die Kohleförderung um 40 Prozent.

Um 1880: Die Ruhrpolen wandern ein

Um neue Arbeitskräfte zu gewinnen, werden Kampagnen geschalten – um Menschen aus Ostpreußen ins Ruhrgebiet zu locken. Polen wurde seit 1772 mehrfach geteilt und der polnische Staat zerbrach bei der letzten Teilung 1795 vollständig.

Die ehemals polnischen Gebiete gingen in Preußen, die Habsburgermonarchie und Russland über. Deshalb pilgern viele polnisch-stämmige Menschen aus den ehemaligen Polen (Ostpreußen) jetzt ins Deutsche Reich, um dort Arbeit zu finden.

Der Begriff „Ruhrpole“ entsteht und beschreibt den polnischen Zuwanderer im Ruhrgebiet. Zu ihnen gehörten die Kernpolen, aber auch die Schlesier und Masuren (ehemalige polnische Fürstentümer).

Einige Polen werden vollständig integriert und finden im Ruhrgebiet eine neue Heimat. Andere sehnen sich nach einem souveränen Polen zurück. Viele der Zuwanderer stoßen auf Ablehnung. Die Zuwanderer gründen eigene Vereine, Gewerkschaften, Zeitungen und pflegen so weiter ihre eigene Kultur. (siehe Hauptartikel: Geschichte Polens)

im Jahr 1889: Bergarbeiterstreik

Der Bergarbeiterstreik von 1889 war der größte Massenstreik des Ruhrgebiets bis dahin. Insgesamt 90.000 Bergarbeiter nahmen teil und forderten bessere Arbeitsbedingungen, weniger Wochenstunden mit Schichtbegrenzung und mehr Geld.

Zwar kann die Streikwelle einige Bergbaubetreiber dazu bringen, auf einzelne Forderungen einzugehen, doch viele Unternehmer blieben unnachgiebig.

Trotz der wenigen Reformen sollten weitere folgen. Denn die Sozialgesetzgebung, welche Reichskanzler Otto von Bismarck auf den Weg brachte, veränderte die Arbeitswelt. So kam es 1891 zur Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung, welche Altersversicherung und Invalidenversicherung zugleich war.

Am 18. August 1889 gründen Bergarbeiter in Dorstfeld die erste Bergarbeitergewerkschaft, wodurch zukünftige Arbeitskämpfe und Streiks organisiert werden sollen.

April 1892: Der erste Fußballverein im Ruhrgebiet

Der älteste Fußballklub des Ruhrgebiets ist der Wittener FC 92, welcher am 12. April 1892 gegründet wurde. In der Folge entstanden viele Fußballvereine als Abteilung eines Turnvereins. So war der Duisburger SpV (Duisburger Spielverein), welcher 1913 Vizemeister wurde, ursprünglich nur eine Abteilung des gleichnamigen Turnvereins.

Zu den berühmtesten Fußballvereinen zählen heute:

  • Borussia Dortmund (gegründet 1909: heute 189.000 Mitglieder, Stand 2023)
  • FC Schalke 04 (gegründet 1904: heute 180.000 Mitglieder, Stand 2023)
  • VfL Bochum (gegründet 1949: heute 25.000 Mitglieder, Stand 2023)
  • Rot-Weiss Essen (gegründet 1907: heute 10.700 Mitglieder, Stand 2023)
  • MSV Duisburg (gegründet 1902: heute 8625 Mitglieder, Stand 2022)

Der Fußball wurde im Ruhrgebiet nach Ende des Ersten Weltkriegs (1918) zum Massensport. Viele Bergbauunternehmen hatten ihre eigene Mannschaft, finanzierten diese und die Bergarbeiter waren zugleich Spieler. Dadurch war der Fußball direkt mit der arbeitenden Bevölkerung verknüpft, weshalb man auch vom Arbeiterfußball spricht.

Die Bergarbeiter arbeiteten von Montag bis Freitag in der Zeche und spielten am Samstag gegen andere Zechenvereine der Region. Dadurch wurde die Reviermentalität gefördert und der Fußball wurde im Ruhrgebiet identitätsstiftend.

Auch die Zuwanderer aus Polen und Schlesien finden durch den Fußball eine Identifikation mit Verein, Spielern und schließlich auch zur Stadt. So wurde der Ruhrpott-Fußball zu einer Integrationsmaßnahme und sorgte dafür, dass sich die Arbeiter stärker am Verein und an dem dazugehörigen Bergbauunternehmen binden konnten.

im Jahr 1899: Eröffnung des Dortmunder Hafens

Im Jahr 1899 wurden die Bauarbeiten des Dortmunder Hafens fertiggestellt. Der Binnenhafen ist Teil des Dortmund-Ems-Kanals, welcher bis zum Fluss Ems führt, der schließlich in die Nordsee mündet. Durch den Hafen, den Kanal und das ebenfalls 1899 eröffnete Schiffshebewerk Henrichenburg bei Recklinghausen hatte das Ruhrgebiet einen Zugang zum Seehafen der Nordsee.

Im Jahr 1902: Eröffnung des Folkwang Museums in Essen

Der Kunstsammler Karl Ernst Osthaus eröffnet 1902 das Folkwang-Museum in Essen, welches der Bevölkerung ermöglicht, Kunstwerke von Van Gogh, Caspar David Friedrichs oder Édouard Manets zu bestaunen.

Im Jahr 1905: Einwohnerzahl verdreifacht sich

Seit dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges (1871) strömen Zuwanderer ins Ruhrgebiet, um Arbeit zu finden. Das Deutsche Reich betreibt Werbung für das Ruhrgebiet nennt es das Rückgrat der Nation, den Motor der Wirtschaft, die Waffenschmiede des Reiches und Ähnliches.

Dies sorgt dafür, dass massenhaft Menschen zuwandern. Im Jahr 1905 leben circa 2,6 Mio. Menschen im Ruhrgebiet. Seit 1871 hat sich die Einwohnerzahl verdreifacht.

Nov. 1908: Das Grubenunglück auf der Zeche Radbod bei Hamm

Am 12. November 1908 kam es in der Zeche Radbod bei Hamm zu einer Explosion, welche wohlmöglich durch eine defekte Grubenlampe ausgelöst wurde. Schnell setzten die Rettungsarbeiten ein, welche allerdings durch Grubenbrände gestört wurden. Nach 15 Stunden wurden die Rettungsmaßnahmen eingestellt und die zuständigen Aufsichtsbeamten ließen die Grube fluten. In der Grube starben 349 Menschen, was fast die gesamte Nachtschicht war.

Zeche Radbod: Postkarte, 1908, mit der Handschrift „Die Unglückszeche“

Zeche Radbod: Postkarte, 1908, mit der Handschrift „Die Unglückszeche“


Der Unfall auf der Zeche Radbod war bis dahin das schwerste Grubenunglück in der Geschichte des Steinkohlebergbaus und löste eine Welle der Spendenbereitschaft aus. Als Folge des Unglücks wurden Benzinwetterlampen abgeschafft und durch elektrische Sicherheitslampen ersetzt. Außerdem wurde ein Gesetz erlassen, wonach eine Grubenaufsicht (Bergpolizei) die Gruben regelmäßig abnehmen müsse, um mögliche Sicherheitsmängel feststellen zu können.

Ab 1913: Bergius-Pier-Verfahren schafft neue Verwendungszwecke für Kohle

Das Bergius-Pier-Verfahren geht auf den deutschen Chemiker Friedrich Bergius und der späteren Verfeinerung durch den BASF-Projektleiter Matthias Pier zurück.

Bei dem Verfahren wird Kohle verflüssigt, wodurch andere Energieträger – wie Diesel und Benzin – entstehen. Das Verfahren bildet die Grundlage für die chemische Industrie im Ruhrgebiet, welche in den Folgejahren entstehen wird.

Im Zweiten Weltkrieg nutzte die Wehrmacht verflüssigte Kohle als Treibstoff für ihre Fahrzeuge. Neben Diesel und Benzin wurden auch andere Produkte auf Kohlebasis produziert, so z.B. Kunstdünger.

Zwischen 1914-18: Erster Weltkrieg

Mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Luxemburg und Belgien beginnt der Erste Weltkrieg. Das Ruhrgebiet wird während der Weltkriegsjahre die Rüstungsschmiede des Reiches bleiben.

Rüstungskonzerne, wie die Essener Firma Krupp (Krupp-Gussstahlfabrik), verdienen am Krieg. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs arbeiten circa 81.000 Menschen für den gesamten Konzern. Einige Monate nach Kriegsbeginn sind es bereits 200.000.

Gleichzeitig leiden die Menschen im Ruhrgebiet unter den Kriegsbedingungen und Versorgungsengpässen. Etwa 70.000 Menschen starben während des Ersten Weltkriegs im Ruhrgebiet an Hunger und Unterernährung.

Weimarer Republik: 1918-33

Juni 1919: Versailler Vertrag

Der Friedensvertrag von Versailles beendete offiziell den Ersten Weltkrieg. Das Deutsche Reich bzw. die Weimarer Republik war verpflichtet, Reparationszahlungen zu leisten. Im Ruhrgebiet kam es zu einer Industriedemontagen, bei welcher Industrie abgebaut wurde und teilweise in den Ländern der Siegermächte wieder aufgebaut wurde.

Diese Bestimmungen hatten das Ziel, die deutsche Rüstungsindustrie so zu schwächen, dass von deutscher Seite kein Krieg mehr ausgehen konnte. Gleichzeitig sollte die Wirtschaft der Siegermächte gestärkt werden.

Weiterhin wurde das Rheinufer zur entmilitarisierten Zone erklärt. Das bedeutet, dass dort kein deutsches Militär bewegt oder stationiert werden darf. Der entmilitarisierte Rheinstreifen war etwa 50 km lang und wurde im Artikel 43 von Versailles festgeschrieben. Das linke Rheinufer wurde durch die Siegermächte Frankreich, USA, Großbritannien und Belgien besetzt. Die alliierte Rheinlandbesetzung endete 1929/30.

März 1920: Kapp-Putsch, Rote Ruhrarmee und Ruhrkrieg

Die Novemberrevolution von 1918/19 löste die Monarchie im Deutschen Reich ab und schuf eine parlamentarische Demokratie, die Weimarer Republik.

Kurz nach der Revolution kam es zu einer Konterrevolution, dem Kapp-Putsch – bei dem General Walther von Lüttwitz mit Unterstützung von Erich Ludendorff und Wolfgang Kapp versuchte, die Republik zu stürzen. Zu den rechten Verschwörern gehörten auch das „alte Militär“ und aktive Mitglieder der Reichswehr.

Im Ruhrgebiet bildete sich eine linke Gegenwehr zu den Putschisten, welche sich als Rote Ruhrarmee bezeichnete. Zu ihnen gehörten etwa 50.000 bewaffnete Arbeiter – welche von den Freien Gewerkschaften um die SPD organisiert wurden.

Nachdem der Kapp-Putsch missglückte, setzte die Rote Ruhrarmee ihren Kampf weiter fort. Nun fordern sie die Umbildung des Staates in ein sozialistisches System, ähnlich wie in Russland (Sowjetunion). Die Regierung der Weimarer Republik lässt sich nicht zwingen und schickt stattdessen das Militär aus, um den Aufstand niederzuschlagen.

Der Ruhraufstand endet Ende März mit der Niederschlagung der Aufständischen. Gefangene, welche bewaffnet waren, wurden niedergeschossen, selbst Verletzte. Es kommt zu massenhaften Festnahmen mit anschließenden Massenerschießungen. Man nimmt an, dass beim Ruhrkrieg etwa 1.000 Aufständische, 500 Soldaten und zahlreiche Zivilisten starben.

Zwischen 1920 und 1930: Schwarze Schmach und Rheinlandbastard

Die Schwarze Schmach oder die Schwarze Schande war eine Initiative der Deutschen gegen die alliierte Rheinlandbesetzung, da die Franzosen zur Bewachung des Rheinufers auch Kolonialtruppen aus Afrika einsetzten. Die Deutschen sagten den Afrikanern nach, dass diese Gewaltverbrechen an Frauen und Kindern begehen würden.

Dieser Kolonialrassismus wurde überwiegend von rechten Republikfeinden gebraucht. In der Zeit des NS-Regime tauchte der Begriff „Rheinlandbastard“ auf, um Kinder zu beschreiben, welche aus Beziehungen zwischen Deutschen und stationierten Rheinlandafrikanern hervorgingen.

Zwischen 1923 und 1925: Ruhrbesetzung

Die Reparationszahlungen und die Industriedemontage schwächen massiv die Weimarer Republik, weshalb man dem Abbau und der Auslieferung von Industrieanlagen nur zögerlich nachkam. Insgesamt sollten 132 Milliarden Goldmark in drei Etappen bezahlt werden.

Nachdem die Weimarer Republik ihren Verpflichtungen nicht nachkam, besetzten am 8. März 1921 französische und belgische Truppen die Städte Duisburg und Düsseldorf. Dadurch wollte insbesondere Frankreich eine Basis schaffen, um das gesamte Ruhrgebiet besetzen zu können. Im Mai 1921 wurde die Drohkulisse weiter aufgebaut und beim Londoner Ultimatum schriftlich fixiert.

Als die Republik im Januar 1922/23 zu wenig Kohle und zu wenige Telegraphenmasten lieferte, nahmen die Franzosen und Belgier dies zum Anlass, um ins Ruhrgebiet einzumarschieren. Die Weimarer Regierung ruft daraufhin die eigene Bevölkerung zum passiven Widerstand gegen die Besatzer auf. Da durch den Streik aber die Fabriken still stehen und somit keine Wirtschaftsleistung erbringen, ist die Regierung gezwungen, den Generalstreik im September zu beenden.

Die Besetzung des Ruhrgebiets durch Belgien und Frankreich bleibt bis 1925 bestehen. Dann führen Neuverhandlungen der Reparationsleistung zu einem Abzug der Truppen.

Ab 1933: Drittes Reich und NS-Diktatur

Januar 1933: Wahlerfolg Hitlers NSDAP im Ruhrgebiet

Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) erreicht bei den Parlamentswahlen am 5. März 1933 im gesamtdeutschen Reich einen Stimmenanteil von 43,9 Prozent. Die niedrigsten Ergebnisse erzielen sie:

  • im Wahlkreis Köln-Aachen mit 30,1 %
  • in Berlin mit 31,3 %
  • in Westfalen-Süd mit 33,8 %
  • in Westfalen-Nord mit 34,9 %
  • in Düsseldorf-West mit 35,2 %
  • in Düsseldorf-Ost mit 37,4 %

Für das gesamte Ruhrgebiet kann man einen Stimmenanteil von rund 33 Prozent ausmachen, wodurch die Zustimmung für die Nationalsozialisten rund 10 Prozentpunkte niedriger ausfällt als im bundesweiten Durchschnitt.

Das Ruhrgebiet, bisher eine Hochburg der Kommunisten und Sozialisten, wählte dennoch Hitlers NSDAP nicht konsequent ab. Denn schon vor der Wahl wurden viele Politiker des Kommunistischen Blocks verhaftet, welche somit nicht zur Wahl standen.

Unterstützt wurde Hitlers Wahlkampf auch von Industriellen des Ruhrgebiets, welche in dem Führer eine Chance sahen, die Rüstungsindustrie wieder anzutreiben und Gewerkschaften zu zerschlagen.

Zu den bedeutendsten Fürsprechern und Unterstützern Hitlers gehört Alfried Krupp aus der Krupp-Dynastie. Dieser war bereits förderndes Mitglied der SS, indem er die Schutzstaffel finanziell unterstützte.

Später wurde er Kuratoriumsvorsitzender in einem Spendenkomitee der deutschen Wirtschaft. Diese Adolf-Hitler-Spende musste entrichtet werden, sollte dem nationalen Wiederaufbau dienen, stand aber Hitler vollumfänglich zur Verfügung.

Ab 1933: In Dortmund entsteht die Hölle von Westdeutschland

Die Polizeiwache in der Steinstraße in Dortmund, auch Steinwache, genannt – wird nach 1933 zu einem Foltergefängnis der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), in welcher Oppositionelle verschleppt, verhört und gefoltert werden. Der Name „Hölle von Westdeutschland“ etabliert sich für die Steinwache, in welche die Gestapo vorrangig Kommunisten, Sozialisten und Juden folterte.

Ab 1938 wurde die Steinwache als Durchgangsgefängnis für Konzentrationslager genutzt. So wurden verhaftete Juden zuerst in die Steinwache gebracht, um sie anschließend ins KZ Sachsenhausen zu deportieren. Während des Zweiten Weltkriegs wurden nichtdeutsche Arbeitskräfte (Ostarbeiter) in die Steinwache verschleppt, um diese dann zu Zwangsarbeiten an Betriebe auszuhändigen.

Zwischen 1933 und 1945 wurden circa 66.000 Menschen in der Steinwache inhaftiert und mitunter gefoltert. Zu Kriegsende, als die Endphaseverbrechen der NS-Diktatur einsetzten, wurden die Inhaftierten in den Süden von Dortmund gebracht, um sie im Bittermark und Rombergpark zu erschießen. Das Mahnmal Bittermark erinnert daran.

Ab 1936: Remilitarisierung des Rheinlandes

Am 7. März ziehen Truppen der deutschen Wehrmacht ins Rheinland, um dieses dauerhaft zu besetzen. Im Versailler Vertrag wurde festgehalten, dass dieser Streifen eine entmilitarisierte Zone bleiben soll und nachdem 1929/30 die Alliierten das linke Rheinufer verließen, will Adolf Hitler dieses Territorium sichern. In der NSPropaganda wird die Remilitarisierung des Rheinlandes als Rheinbefreiung bezeichnet.

Durch die erneute Rheinbesetzung bringt Hitler die Wehrmacht bereits in Stellung für den bevorstehenden Angriffskrieg und gleichzeitig verhindert er, dass Frankreich das Gebiet besetzen kann, wenn die außenpolitische Aggression des Dritten Reichs zunimmt. Weiterhin braucht Hitler die Ressourcen der Industrieregion zwischen Ruhr und Lippe.

November 1938: Reichspogromnacht und Zerstörung von Synagogen

Die Novemberpogrome 1938 fanden in der Nacht vom 9. zum 10. November statt. In dieser Nacht fand eine staatlich gelenkte Gewalt gegen Juden auf gesamtdeutschen Territorium statt. Die Gewalttaten begangen teilweise schon an den Vortagen und endeten oftmals erst einige Tage später.

In Dortmund wurde die Alte Synagoge im November und Dezember 1938 komplett abgerissen. Schon am 21. September begann der Abriss, indem bei einer Feierstunde die goldene Kugel auf der Kuppel entfernt wurde. Im Dezember 1938 war der Abriss vollständig vollzogen. Die Synagoge wurde nie wieder aufgebaut und nur eine Gedenktafel erinnert an den einstigen Kirchenbau.

In Essen versuchte man ebenfalls die Alte Synagoge zu zerstören, legte Feuer und verwüstete das Innere. Doch die Synagoge, welche aus massiven Stahlbeton besteht, überstand das Attentat. In fast allen anderen Städten des Ruhrgebiets wurden die Synagogen im November 1938 gewaltsam zerstört.

Weiterhin wurden die Fenster von jüdischen Geschäften eingeschlagen, Juden wurden aus ihren Häusern gerissen. In diesen Novembermonat starben hunderte Juden im Reichsgebiet, mindestens 300 nahmen sich selbst das Leben und circa 30.000 wurden verhaftet und in Konzentrationslager gesteckt.

In der deutschen Geschichte markieren die Novemberpogrome den Übergang von einer Judendiskriminierung zu einer systematischen Judenverfolgung.

Zwischen 1939 und 1945: Zweiter Weltkrieg

Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939 mit den deutschen Überfall auf Polen. Um einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden, konzentrierte sich Hitler zunächst auf die Ostfront.

Großbritannien und Frankreich sagten Polen, im Falle eines Überfalls, Unterstützung zu – welche allerdings ausblieb. Als Hitler sich am 10. Mai 1940 der Westfront widmete, verhielt sich Frankreich passiv. Der Feldzug gegen Frankreich wird daher auch als Sitzkrieg bezeichnet und war bereits am 25. Juni 1940 beendet. Den Schlusspunkt bildete der Waffenstillstand von Compiègne am 22. Juni 1940, bei dem das Deutsche Reich etwa 60 Prozent des französischen Terrain erhielt.

Der erste Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs war der Kriegseintritt der USA im Dezember 1941. Fortan kam es auch zu Kriegshandlungen auf deutschen Terrain. Die Luftangriffe auf das Ruhrgebiet setzten Anfang 1942 ein, hatten ihren Höhepunkt zwischen 1943 und 1944.

Zwischen 1942 und 1944: Luftangriffe auf das Ruhrgebiet und Battle of the Ruhr

Geflogen wurden die Luftangriffe durch die Royal Air Force (Großbritannien) und die Air Force der US-Army. Das Gefechtsziel der Luftwaffe war, die Rüstungsschmiede des Deutschen Reiches zu zerstören. Außerdem sollte die Moral der Zivilbevölkerung gebrochen werden. Großstädte, wie Remscheid, Essen, Gelsenkirchen, Dortmund, Duisburg und Bochum wurden zu Kriegszielen.

Die Luftoffensive auf Essen (1943) markiert nach dem Kriegseintritt der USA und der Schlacht um Stalingrad einen weiteren Wendepunkt des Krieges. Insgesamt fünf Monate lang warf die britische Luftwaffe Bomben über Essen ab. Das Ziel waren die Krupp-Werke, welche den Großteil der Rüstungsindustrie des Dritten Reiches ausmachte. Die als Battle of the Ruhr bezeichnete Luftangriffe endeten mit der Zerstörung der Rüstungswerke sowie den deutschen Innenstädten.

März 1945: Operation Plunder

Ein Schussakt des Krieges war die Operation Plunder, bei der im März 1945 mehrere Verbände von britischen, kanadischen und US-amerikanischen Truppen den Rhein überquerten. Dadurch konnten sie schnell ins Landesinnere vordringen, wodurch der Raum nach Norden bis zur Ostsee oder Nordsee frei war.

April 1945: Ruhrkessel

Durch die Überquerung des Rheins war die Grundlage für eine Kesselschlacht gelegt, welche historisch als Ruhrkessel von 1945 bezeichnet wird. Dies ist eine der letzten großen Schlachten im Zweiten Weltkrieg gewesen und trug sich zwischen den Ufern des Rheins und der Sieg zu.

Bei dieser Kesselschlacht starben etwa 10.000 Deutsche, darunter Zivilisten und zahlreiche Minderjährige, welche dem Deutschen Volkssturm angehörten. Die Ruhrkesselschlacht markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs im Ruhrgebiet.

Ab 1945: Kriegsende und britische Besatzung

Zum Ende des Krieges besetzten die Briten das Ruhrgebiet und die neu gegründete North German Coal Control (NGCC) war das zuständige Kontrollorgan, welches den Abbau und die Abführung der Kohle kontrollierte. Das Kontrollgremium hatte ihren Sitz in der Villa Hügel in Essen und bestand bis 1949.

Im Juli und August 1945 tagten die Siegermächte auf der Potsdamer Konferenz, um das deutsche Gebiet in verschiedene Einfluss- und Verwaltungszonen aufzuteilen. Die Staatschefs aus England (Winston Churchill) und der Sowjetunion (Joseph Stalin) einigten sich bei der Konferenz auf einen Austausch von Kohle und Lebensmittel. So flossen aus dem Osten des Deutschen Reiches diverse Lebensmittel nach Westen und die Kohle wurde in den Osten des Reiches exportiert.

Frankreich wollte das Ruhrgebiet dauerhaft unter internationale Kontrolle stellen, der amerikanische Staatschef (Harry Truman) und Stalin waren dagegen. Man einigte sich im März 1946 auf einen Industrieplan.

März 1946: Der Industrieplan für die Ruhrregion

Im März einigten sich die vier Besatzungsmächte darauf, dass das Ruhrgebiet wieder ein industrielles Niveau wie vor 1932 erreichen darf. Der Bergbau sollte vorgeschrieben und überwacht werden. Die abgebaute Kohle sollte auch den Nachbarländern dienen.

Außerdem wurde beschlossen, dass diverse Großindustrie – wie die Luftfahrt, chemische Großindustrie, Maschinenbau und Schiffsbau – im Ruhrgebiet nicht wieder angesiedelt werden dürfe.

Dieser Industrieplan war zwar ein Einschnitt für die wirtschaftliche Entwicklung des Ruhrgebiets, bot allerdings auch eine Perspektive.

August 1946: Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen

Die britische Besatzungsmacht gründete, Kraft ihres Besatzungsrechtes, am 23. August 1946 das Land Nordrhein-Westfalen. Dieses staatliche Konstrukt war ein Zusammenschluss der preußischen Rheinprovinz (Hauptstadt Düsseldorf) und der Provinz Westfalen (Hauptstadt Münster).

Am 21. Januar 1947 wurde das Land Lippe (Hauptstadt Detmold) ebenfalls integriert. Dieses Territorium entspricht dem heutigen Bundesland Nordrhein-Westfalen.

Bei der Gründung des Landes berücksichtigten die Briten nicht den Zusammenschluss einer homogenen Bevölkerung, sondern lediglich dass die Ressourcen des Industriestandortes als Ganzes erhalten blieben und ins neue Bundesland eingebettet werden.

Februar 1946: Das Grubenunglück auf der Zeche Monopol

Am 20. Februar 1946 kam es auf der Zeche Monopol in Bergkamen (nördliches Ruhrgebiet) zum schwersten Grubenunglück der deutschen Bergbaugeschichte. Dieses ereignete sich im Schacht Grimberg 3/4 durch eine Methanexplosion. Es starben 405 Bergleute vor Ort und viele weitere später im Krankenhaus.

Einer der Überlebenden war Friedrich Hägerling. Dieser wurde nach 30 Stunden gerettet und musste sich dann vor der britischen Militärverwaltung erklären, weshalb er nicht umgekommen sei. Diese warfen ihm vor nicht bei der Arbeit gewesen zu sein und nur deshalb überlebt zu haben. Erst durch die Befragung von anderen Zeugen wurde Hägerling entlastet und freigesprochen. Er starb im Jahr 2013 eines natürlichen Todes.

Der Hungerwinter 1946/47 und das Fringsen als dessen Folge

Der Hungerwinter von 1946/47 war einer der kältesten Winter seit Jahrzehnten, bei dem im besetzten Deutschland mehrere hunderttausend Menschen an Hunger oder Kälte starben.

Da durch die Bombenangriffe zahlreiche Häuser und Wohnungen zerstört waren, war ein Großteil der Bevölkerung obdachlos und schutzlos der eisigen Kälte ausgesetzt. Durch die Kälte und die zerstörte Infrastruktur brach die Lebensmittelversorgung zusammen, wurde rationiert und über Lebensmittelmarken verteilt.

Es fehlte an Heizstoffen und Kraftstoffen für die Fahrzeuge, was die staatlich gelenkte Versorgung weiterhin einschränkte. Der Schwarzmarkt blühte und die Menschen machten Hamsterkäufe.

Der Kölner Kardinal Frings hielt im Winter 1946 seine Silvesterpredigt, bei welcher er den Mundraub und den Diebstahl von Kohle billigte bzw. sogar dazu aufrief.

„Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten, nicht erlangen kann.“

Im Ruhrgebiet und anderswo waren Diebstähle fortan allgegenwertig. Im deutschen Gebiet entstand durch die Predigt des Kardinal das Wort „fringsen“, was stehlen mit Gottes Einverständnis bedeutet.

Ab 1947: Die Ruhrfestspiele als Dank für Kohlelieferungen entstehen

Während des Hungerwinters (1946/47) standen die Hamburger Theater kurz vor der Schließung, da ihnen Kohle für die Bühnenheizung fehlte. Daraufhin fuhren der Verwaltungsdirektor des Deutschen Schauspielhauses von Hamburg und der Betriebsratsvorsitzende der Hamburgischen Staatsoper nach Recklinghausen in die Zeche König Ludwig. Dort schilderten sie ihre Notlage den Bergarbeitern. Die Kumpel umgingen die britische Besatzungsmacht und luden die Kohle auf die mitgebrachten LKW.

Als Dank für die Kohle kamen etwa 150 Schauspieler der drei Hamburger Staatsbühnen im Sommer 1947 nach Recklinghausen und hielten ein Gastspiel ab. Das Schauspiel stand unter dem Motto: „Kunst für Kohle“.

Aus dieser Dankesgeste entstanden die jährlich stattfindenden Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Seit 1965 existiert das dafür errichtete Ruhrfestspielhaus auf dem grünen Hügel von Recklinghausen.

Sommer 1948: Die Künstlergruppe junger Westen schafft eine kulturelle Perspektive

Fünf Maler und ein Bildhauer gründen 1948 in Recklinghausen die Gruppe „junger Westen“. Ihr Ziel ist es, die Verheerungen des Krieges und der NS-Zeit zu überwinden und die Kunstszene im Ruhrgebiet wieder zu etablieren. Die abstrakten Bilder der Künstler setzen sich mit dem Industriestandort und dem Leben im Ruhrgebiet auseinander.

Um die Kunstszene voranzubringen, laden sie auch andere Künstler aus dem besetzten Deutschland ein. Es kommt zu einem Erfahrungsaustausch und Bilderaustausch, wodurch das Ruhrgebiet ein Stück Kultur zurückerhält.

Seit 1948 verleiht die Stadt Recklinghausen den Förderpreis junger Westen, welcher heute mit 10.000 Euro dotiert ist.

Juli 1948: Der Krupp-Prozess bei den Nürnberger Prozessen

Der Krupp-Prozess war der zehnte von insgesamt zwölf Nachfolgeprozessen im Nürnberger Justizpalast. Genau wie bei den Nürnberger Prozessen wurde Alfried Krupp sowie die ganze Leitung der Firma Krupp für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Weitere Wirtschaftsprozesse fanden gegen die I.G.-Farben (chemische Industrie) und den Rüstungsbauer Friedrich Flick statt.

Die Firma Krupp konnte nicht wegen einer Verschwörung gegen den Frieden und für die Planung eines Angriffskrieges verurteilt werden. Somit wurden die Leitenden des Unternehmens von der Anklage des Kriegsverbrechen freigesprochen. Aber sie wurden wegen Sklaverei (Zwangsarbeit) verurteilt und Alfried Krupp erhielt eine Haftstrafe von 12 Jahren. Andere Krupp-Leiter, wie der Abteilungsdirektor Friedrich von Bülow oder der leitende Ingenieur Erich Müller, erhielten ebenfalls 12 Jahre Haft. Zudem wurde Alfried Krupp sein gesamtes Vermögen entzogen.

Fast alle Verurteilten wurden 1951 und 1952 begnadigt und wieder freigelassen. Das Vermögen von Alfried Krupp wurde in der sowjetischen Besatzungszone eingezogen, indem die Betriebe enteignet wurden. Der Großteil der Westbetriebe blieb allerdings unberührt. Mit der Begnadigung wurde auch die Beschlagnahmung des Krupp-Vermögens aufgehoben.

Kurz vor seinem Tod (1967) gründete Alfried Krupp eine gemeinnützige Stiftung, welche sein Vermögen erbte. Die Krupp-Stiftung besteht seit 1968 und setzt sich für die Förderung von Wissenschaft und Kultur ein, vergibt Förderpreise und Stipendien. Der Seenotkreuzer Alfried Krupp wurde ebenfalls aus Spendengeldern der Krupp-Stiftung finanziert.

Seit 1949: Bundesrepublik Deutschland

Am 23. Mai 1949 wurde aus den drei westlichen Besatzungszonen (Frankreich, Großbritannien, USA) die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Die Verfassung war (ist) das Grundgesetz und Bonn wurde zur Hauptstadt erklärt. Das Ruhrgebiet bzw. das Land Nordrhein-Westfalen trat der Bundesrepublik im selben Jahr bei.

Die Ewigkeitsklausel (Art. 79 Abs. 3) des Grundgesetzes verbaut der Bundesrepublik das Recht, einen totalitären Staat, einen Zentralstaat oder eine Monarchie aufzubauen. Demnach ist der Föderalismus mit einzelnen Gliedstaaten (Bundesländern) eine Konsequenz aus der Verfassung. Das Land Nordrhein-Westfalen erhält einzelne Rechte und eine begrenzte Eigenständigkeit, welche die Verfassung (Grundgesetz) auf Ewigkeit garantiert.

April 1949: Das Ruhrstatut tritt in Kraft

Am 28. April 1949 tritt das Ruhrstatut in Kraft. Dieses regelt, dass das Ruhrgebiet unter internationaler Kontrolle bleibt. Zwar wurde das Ruhrgebiet (NRW) in die Bundesrepublik Deutschland rechtlich eingebettet, doch die Kontrolle über die dort ansässige Großindustrie sollte international bleiben, um zu verhindern – dass von Deutschland ein weiterer Krieg ausgehen könnte.

Zur Überwachung des Ruhrstatuts wurde die Internationale Ruhrbehörde geschaffen, deren Mitgliedsstaaten die Beneluxstaaten, Frankreich, Großbritannien und die USA waren. Diese sollen fortan die Preise und die Verteilung von Rohstoffen und Erzeugnisse aus dem Ruhrgebiet regeln. Dadurch soll die Montanindustrie im Ruhrgebiet nicht mehr deutschen Kriegszielen dienen, sondern dem Wiederaufbau Europas zur Verfügung stehen.

Die Sowjetunion wurde, trotz Bemühungen eines Beitritts, ausgeschlossen. Der Ruhrstatut führte zu einer Verschärfung des Ost-West-Konflikts und war ein Nährboden für den Kalten Krieg.

Ende November 1949 tritt auch die BRD dem Ruhrstatut bei. Die DDR kritisierte, wie auch die Sowjetunion, den Beitritt und sah im Ruhrstatut ein Zusammenballen der kapitalistischen Kräfte. Da die NATO als Militärbündnis drei Wochen vorher gegründet wurde, vermutete der Ostblock mit der Hinzunahme der ehemaligen Rüstungsschmiede eine neue Militarisierung unter den Westmächten.

Juli 1952: Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl

Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (kurz EGKS) war ein Zusammenschluss europäischer Staaten, um Kohle und Stahl zollfrei exportieren zu können.

Eine Behörde sollte ein gemeinsam verabschiedetes Regelwerk für die Montanindustrie (Kohle und Stahl) überwachen. Die Gründungsstaaten der EGKS (auch Montanunion genannt) waren die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Belgien, Niederlande, Italien und Luxemburg.

Durch das Schaffen der EGKS war der Ruhrstatut hinfällig geworden und die Internationale Ruhrbehörde stellte ihre Arbeit ein. Aus dem EGKS ging am 25. März 1957 die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) hervor, welche weitere Handelsbeziehungen mit ein bezog.

Durch den Vertrag von Maastricht (1993) wurde das Folgekonstrukt der EWG, die Europäische Gemeinschaft (EG), geschlossen – welche neben Handelsbeziehungen auch einen rechtlichen Rahmen für eine gemeinsame Bildungspolitik oder Sozialpolitik schuf.

Schließlich ging aus der EG die Europäische Union (EU) hervor. Die rechtlichen Säulen auf denen die europäische Union sich beruht, sind:

  • die Europäische Gemeinschaft, welche die Landwirtschaft, den Binnenmarkt, die Bildungspolitik, den Verbraucherschutz und Ähnliches europaweit klärt
  • die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, welche für Demokratie, Friedenserhalt und Menschenrechte eintritt.
  • die gemeinsame polizeiliche und justizielle Zusammenarbeit, welche gegen organisierte Kriminalität, illegale Einwanderung vorgeht und eine gemeinsame Asylpolitik betreibt

Durch das Schaffen der EKS im Juli 1952 wurde der Grundstein für die EU gelegt. Zugleich fallen die auferlegten Beschränkungen für die deutsche Produktion von Kohle und Stahl weg. Damit war der Weg geebnet, dass das Ruhrgebiet wieder eigenverantwortlich agieren konnte. In den Folgejahren setzte dadurch ein Nachkriegsboom ein, wodurch die Menschen im Ruhrgebiet zu Wohlstand gelangten.

Die 1950-er Jahre: Das Wirtschaftswunder im Ruhrgebiet

Zwischen 1948 und 1952 stellten die USA eine Finanzhilfe von 13,12 Milliarden US-Dollar für die westeuropäische Wirtschaft bereit. Der sogenannte Marshallplan sah vor, dass die westeuropäischen Staaten diese Geld nutzen würden, um damit ihre Wirtschaftsleistung wieder aufzubauen. Benannt wurde der Plan nach dem US-Außenminister George C. Marshall.

Der Plan bot neben einem Kredit auch Lebensmittel, Rohstoffe und Industriegüter an und sorgte in den 1950-er Jahren für einen Industrieboom in teilnehmenden westeuropäischen Staaten. In Westdeutschland wurden die Gelder durch eine neu gegründete Kreditanstalt zum Wiederaufbau (kurz KfW) verwaltet, welche heute noch existiert.

Der Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten wurde dieses Geld zwar auch angeboten, doch die Sowjetunion zog sich schnell aus den Verhandlungen zurück. Gleichzeitig verbot sie anderen Ostblockstaaten, welche in ihrer Einflusssphäre lagen, die Verhandlung. Somit erhielt die DDR keine Wirtschaftshilfe.

Im Ruhrgebiet sorgten die Finanzhilfen und der Wegfall der Ruhrstatut-Beschränkungen für einen Nachkriegsboom. Der Kohleabbau erreicht in den 1950-er Jahren einen Nachkriegszenit von etwa 130 Mio. Tonnen jährlich. Die Menschen im Ruhrgebiet schaffen einen Wohlstand ins so kurzer Zeit, weshalb man vom Wirtschaftswunder spricht.

Ab 1958: Feierschichten und Beginn der Kohlekrise

Bis zum Jahr 1957 wurde der Kohleabbau subventioniert. Die Subventionen dienten als Anreiz dafür, dass die Bergbauunternehmen mehr produzieren, um eine Kohleknappheit – wie man sie im Nachkriegswinter erlebte – entgegen zu wirken.

Das Geschäft mit der Kohle stieg so stark an, dass nun weitaus mehr Kohle abgebaut wurde als benötigt. Deshalb gingen die staatlichen Zuschüsse zurück und wurden 1958 ganz aufgehoben.

Das Überangebot an Kohle hatte mehrere Ursachen:

  • staatliche Subventionen und Rekordproduktionen
  • billige Kohle aus den USA wurde importiert
  • Erdöl als Energieträger war billiger als Kohle

Durch das Überangebot sank der Preis für Kohle rapide. Die Billigimporte sorgten für einen weiteren Preisverfall, so dass die Kohle zu Dumpingpreisen gehandelt wurde. Mit dem Wegfall der staatlichen Subventionen war der Schutzmantel, welche die Bergbauunternehmen genossen, aufgehoben. Viele Unternehmen konnten die Kosten nicht mehr decken und mussten schließen.

In den Bergbauunternehmen kam es zu Feierschichten. Das waren Schichten, welche komplett ausfielen und sozusagen abgefeiert wurden. Heute wird dieser Begriff als Synonym für Wirtschaftskrise, Kurzarbeit oder Arbeitsausfall verwendet. Im Jahr 1958 blieben circa 16.000 Arbeiter aus Essen, Bochum, Unna und Mühlheim zu Hause.

Das Zechensterben begann und in Bochum demonstrierten 1959 verschiedene Bergarbeiterverbände gegen die Import von billiger Kohle aus dem Ausland, insbesondere aus der USA. Der Abbau von Arbeitsplätzen und das Schließen von Zechen war – ohne staatliche Unterstützung – nicht aufzuhalten.

Oktober 1962: Das erste Opel-Werk in Bochum eröffnet

Durch das Zechensterben wandern die Leute vom Bergbau in andere Industriezweige ab. Das erste Opel-Werk entstand 1962 in Bochum. Später entstanden weitere Opel-Werke in Bochum, welche als Opel-Werk Bochum II/III bezeichnet wurde.

Durch die Abwanderung in den Maschinen- und Karosseriebau erhielten die ehemaligen Kumpel bessere Arbeitsbedingungen mit höheren Lohnzahlungen. Gleichzeitig entsteht ein Defizit an Arbeitskräften im Bergbau – welche nun über Arbeitsimmigranten geschlossen werden soll.

Ab 1962: Anwerbeabkommen und Arbeitsimmigranten

Am 27. November 1962 werden türkische Bergleute eingeflogen und erreichen den Flughafen von Düsseldorf. Im Oktober haben sich Westdeutschland und die Türkei auf Bedingungen für den Einsatz türkischer Gastarbeiter in Deutschland geeinigt.

Ähnliche Abkommen bestehen auch zwischen Italien (1955), Griechenland (1960) oder Spanien (1960). So wird das Ruhrgebiet eine Zuwanderungsregion für ausländische Gastarbeiter, welche nach Deutschland kommen, um dort zu arbeiten und sich so ein neues Leben aufbauen. Später werden Anwerbeabkommen auch mit Marokko (1963), Südkorea (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968) ausgehandelt.

Zwischen 1963 und 1964: Staatliche Rationalisierung und Zechensterben

Der Rationalisierungsverband des Steinkohlenbergbaus wurde 1963 gegründet, um weniger rentable Kohlebergwerke zu schließen. Da staatliche Subventionen fehlte, stehen nahezu alle Kohlebergwerke vor der Pleite. Aber es sollen profitable Kohlenbergwerke herausgenommen und gefördert werden, so dass der Mindestbedarf an Kohle staatlich gesichert werden kann.

Am 31. Oktober 1964 meldet der Verband 31 Zechen zur Schließung an. In diesen Zechen verlieren 64.000 Arbeiter ihren Arbeitsplatz. Daraufhin kam es zu Massendemonstrationen, um die Schließungen zu verhindern. Aber das Zechensterben ließ sich davon nicht aufhalten. Gleichzeitig subventionierte der Verband bis 1968 profitable Kohlebergwerke mit etwa 1,2 Millionen DM.

Dezember 1962: Smog-Krise im Ruhrgebiet

Zwischen dem 3. und 7. Dezember 1962 zieht eine Dunstwolke aus Schwefeldioxid und Feinstaub über das Ruhrgebiet. Hervorgerufen wurde diese Dunstwolke durch die hohe Luftverschmutzung der Region. In diesem Jahr starben etwa 20 % mehr Menschen als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs.

Als Folge der Smog-Krise erließ die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen eine Smog-Verordnung, wodurch in den nachfolgenden Jahren viele Kohleheizungen durch Ölheizungen ersetzt wurden. Willy Brandt, der spätere Bundeskanzler, forderte in einer Rede: „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden“. Seine Partei, die SPD, nahm die Luftverschmutzung als Wahlkampfthema auf.

August 1963: Gründung der Fußball Bundesliga

Als die Bundesliga am 24. August 1963 ihren Betrieb aufnahm, wurden verschiedene Mannschaften aus den einzelnen Oberligen ausgewählt, welche sich im Vorfeld qualifiziert hatten.

Insgesamt 16 Mannschaften bildeten ab 1963 zum ersten Mal die Bundesliga. Aus der Oberliga West wurden Borussia Dortmund, 1. FC Köln, Meidericher SV, Preußen Münster und der FC Schalke 04 zu den Gründungsmitgliedern.

Der Meidericher SV gliederte später den Profifußball als eigene Gesellschaft (MSV Duisburg) aus. Somit stammten drei Mannschaften (Duisburg, Dortmund, Gelsenkirchen) aus dem Revier.

Der Verein Rot-Weiss Essen war in den 1950-er Jahren das Aushängeschild des Revierfußballs gewesen, wurde 1955 – also vor Einführung der Bundesliga – auch Deutscher Meister. Sie spielten 1955/56 sogar im Europokal der Landesmeister, wodurch das Ansehen international wuchs. Zum Zeitpunkt der Bundesligagründung war die Mannschaft nicht stark genug und verbrachte die Spielzeit in der Zweiten Liga West, konnte aber in der Saison 1965/66 aufsteigen.

Der FC Schalke 04 wurde in den 20-er, 30-er Jahren zum Serienmeister in den jeweiligen Ligen, welche während des Nationalsozialismus Gauliga Westfalen, später als Landesliga Westfalen bezeichnete wurde. Dieser Verein trug maßgeblich dazu bei, dass im Ruhrgebiet der Fußball zum Massensport wurde. Nach Gründung der Bundesliga wurde Schalke nie wieder Deutscher Meister.

Borussia Dortmund wurde seit 1963 mehrfach Deutscher Meister, gewann 1966 als erste deutsche Mannschaft überhaupt den Europokal der Pokalsieger, sowie 1997 die Champions League. Heute ist Borussia Dortmund der zweitgrößte Sportverein in Deutschland und der fünfgrößte der Welt.

Trotz fehlender Meisterschaften in der Bundesliga gewann der FC Schalke 04 den DFB-Pokal und den UEFA-Pokal, ist auch deshalb der drittgrößte Sportverein Deutschlands und sechster der Weltrangliste. Zwischen Dortmund und Schalke besteht eine anhaltende Rivalität – welche im identitätsstiftenden Fußball der Anfangsjahre seinen Ursprung hat (siehe Abschnitt 1892).

Ab 1965: Strukturwandel im Ruhrgebiet

Die Smogkrise bewirkte, dass die einheimische Kohle noch weiter in Verruf geriet. Das Ruhrgebiet benötigte dringend einen Strukturwandel, um wirtschaftlich nicht abgehängt zu werden. So entstanden in den späten 60-er Jahren diverse Universitäten:

  • 1965: Ruhruniversität Bochum wird eröffnet.
  • 1968: Universität Dortmund wird eröffnet.
  • 1972: Universität Essen wird zunächst als Gesamthochschule des Landes Nordrhein-Westfalen eröffnet.
  • 1974: Universität in Hagen wird eröffnet.

Da der Bergbau seine Bedeutung verliert, setzt das Ruhrgebiet nun auf Bildung als neue Ressource. Nehmen Hochschulen und Universitäten werden auch andere Bildungs- und Kulturbereiche gefördert. So entstehen im Zuge des Strukturwandels bspw.:

  • die Mercatorhalle in Duisburg (1962), welche ursprünglich als Tonhalle für Konzerte, aber auch für Seminare genutzt wurde.
  • das Planetarium in Bochum (1964),
  • die Internationalen Essener Songtage (ab 1968),
  • das RheinRuhrZentrum in Mülheim als erstes überdachtes Einkaufszentrum im Ruhrgebiet (1973)

November 1968: Gründung der Ruhrkohle AG

Nachdem die Fördermaßnahmen durch den Rationalisierungsverband ebenfalls nicht rentabel genug waren, schlossen sich Bergbauunternehmen zusammen und gründeten die Ruhrkohle AG, welche sich in den 2000-er Jahren in die RAG Aktiengesellschaft formierte. Die einzelnen Kohlebetriebe blieben zugleich Hauptaktionäre der neu gegründeten Aktiengesellschaft.

Da zuvor einige der Hüttenbetriebe schon Geschäftsanteile an den Staat verkaufen mussten, war der deutsche Staat mit etwa 27 Prozent an der Aktiengesellschaft beteiligt. Zum Zeitpunkt der Gründung umfasste die Ruhrkohle AG etwa 80 Prozent aller bundesdeutschen Steinkohlebergwerke. Durch den Zusammenschluss erhoffte man sich, dass die bundesweiten Steinkohlebergwerke als ein Player auf dem Kohlemarkt auftreten und so mehr Preisstabilität durchsetzen können.

Im Jahr 1972 beschäftigte das Unternehmen etwa 168.000 Mitarbeiter und erreichte einen Jahresumsatz von 7,2 Milliarden DM.

Ab 1974: Stahlkrise

Da durch EG-Erweiterung neue Staaten ins europäische Wirtschaftssystem eingebettet wurden, wodurch Zollschranken und Einfuhrbarrieren abgebaut wurden – geriet auch die Stahlindustrie unter Druck. Wie zuvor bei der Kohle sank der Preis auf Stahl, da dieser im Ausland weitaus billiger hergestellt werden konnte. Auch die Großindustrie musste schließen und Arbeiter entlassen.

Im ganzen Ruhrgebiet kam es zu Protesten gegen die Schließungen, welche medial unterstützt wurden. Diese konnten allerdings die Schließungen nicht abwenden und so schlossen zahlreiche Stahlwerke am Ende der 70-er und zu Beginn der 80-er Jahre. Ein neues Konzept für die Stahlindustrie wurde erarbeitet und 1983 vorgelegt.

Zwischen 1974 und 1995: Einführung des Kohlepfennigs

Um die Kohlebranche zu retten, wurde ein Preisaufschlag auf die Strompreise vorgenommen, um mit diesen zusätzlichen Geldmitteln den Steinkohlebergbau zu retten. Zwischen 1974 und 1995 zahlte jeder Endverbraucher, welcher deutschen Strom bezog diesen Sonderaufschlag. Im Jahr 1995 urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass der Kohlepfennig verfassungswidrig sei, weshalb man ihn wieder abschaffte.

Die 1980-er Jahre: Industrieabbau und Dienstleistungsaufbau

1986 schließt die Zeche Zollverein als letztes Kohlebergwerk von Essen. Im Jahr 1987 beträgt die Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet über 15 Prozent. Zahlreiche Bergbau- und Stahlarbeiter haben ihre Arbeit verloren und müssen sich nun neue Beschäftigungsfeldern suchen.

Aus dem Industriesektor im Ruhrgebiet erwächst ein Dienstleistungssektor. Die Verluste, welche durch den Wegfall der Großindustrie entstehen, können die Dienstleistungsbranchen nicht ausgleichen.

Ende des Steinkohlebergbaus

Die Zeche Prosper Haniel in Bottrop wird als letztes Unternehmen des Steinkohlebergbaus im Jahr 2018 geschlossen. Mit ihm endet der Abbau der Steinkohle in Deutschland. Die Folgen des Zechensterbens bleiben auch im 21. Jahrhundert spürbar, da die Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet weiterhin über dem bundesweiten Durchschnitt liegt.

Doch der Strukturwandel brachte auch Vorteile. Denn im Ruhrgebiet studieren 250.000 Menschen und die Stahlindustrie blieb an den Ufern von Lippe und Ruhr erhalten. Der Maschinenbau wurde zum wichtigen Arbeitgeber. Hinzu kommen Logistik, Lagerhaltung und Fuhrunternehmen. Auch Handel und Gewerbe bieten jetzt Arbeitsplätze in einer durch Wandel gezeichneten Region.

2001 wird die Essener Zeche Zollverein auf die Liste der UNESCO als schützenswertes Kulturobjekt gesetzt. Dieses Relikt wird als bedeutendes Zeugnis einer Epoche erhalten bleiben, zugleich symbolisiert sie den Niedergangs einer Industriebranche. Ehemalige Zechen wurden als Museum umgebaut.

Literatur

  • Jens Schröder (Autor), Markus Wolff (Autor), GEO Epoche 114/2022 – Das Ruhrgebiet: Das Magazin für Geschichte, ISBN: 3652012127*
  • Frank Jochims (Autor), Christoph Oboth (Autor), Kleine Geschichte des Steinkohlenbergbaus im Ruhrgebiet, ISBN: 3937189939*
  • Werner Boschmann (Herausgeber), Ruhrbesetzung 1923: Ein Jahr spricht für sich, ISBN: 3948566186*
  • Michael Schenk (Autor), Eisenbahnen im westlichen Ruhrgebiet, ISBN: 3866801688*
  • Michael Schenk (Autor), Eisenbahnen im östlichen Ruhrgebiet, ISBN: 3897027860*
  • Astrid Dörnemann (Herausgeber), Manfred Rasch (Autor), Dietmar Bleidick (Autor), Technikgeschichte im Ruhrgebiet, ISBN: 3898613763*

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