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Stammesgeschichte des Menschen: Evolution & Abstammung


stammesentwicklung des menschen

London, Großbritannien – 11. März 2018: Die Evolution des Menschen. Ausstellung mit Schädeln unserer Vorfahren im National History Museum, Bildnachweis: IR Stone / Shutterstock.com


Die Stammesgeschichte des Menschen beginnt vor 4,6 bis 6,2 Millionen Jahren, als der letzte gemeinsame Vorfahre des Schimpansen und Menschen den Weg für zwei separate Evolutionslinien ebnete. Seither gehen Mensch und sein nächster lebender Verwandter, der Schimpanse, getrennte Wege. Mit diesem neuen Weg war die Geburtsstunde der Hominini eingeläutet wurden. Doch bis zum Jetztmenschen war es noch ein langer Weg, welcher in drei Phasen oder Epochen (Akt) eingeteilt werden kann: die Zeit der Affenmenschen, der Vormenschen und der Frühmenschen bis hin zum Jetztmenschen (Homo sapiens).

Inhalt

Darwin hat sprichwörtlich die Menschheit zum Affen gemacht

Laut der Bibel entstand der Mensch am sechsten Schöpfungstag, nachdem Gott die Tiere, die Planeten, die Sonne und die Pflanzen an den vorherigen Tagen erschuf. Als sein Ebenbild erschuf Gott den Menschen, so dass dieser ihn auf der Erde vertreten könnte. Mit dem Menschen als Krone der Schöpfung war Gotteswerk vollendet, so dass er sich am siebenten Tag ausruhen konnte. Alle Geschöpfe der Erde sollten sich fortan der Menschheit unterordnen und ihm als Speisen oder Gehilfen dienen.

Diese Vorstellung war bis ins 19. Jahrhundert die vorherrschende Meinung. Doch dann kam Charles Darwin (1809-92) und rüttelte an diesem Konstrukt. Mit seiner Evolutionstheorie zur Entstehung der Arten beschrieb Darwin, dass sich jede Spezies aus anderen Spezies entwickelt hat. Später gefundene Fossilien bestätigten diese Theorie. Laut Darwinismus muss sich der Mensch genauso entwickelt haben, indem es einen Vorfahren gab – welcher sich in zwei Entwicklungslinien aufspaltete und dann ausstarb.

neanderthal museum

Das Neandertal Museum bei Mettmann, in der Nähe vom Fundort (Düsseldorf), Bildnachweis: frantic00 / Shutterstock.com


Im Jahr 1856 entdeckten Grubenarbeiter in einer Steingrube im Neandertal (bei Düsseldorf) einige Knochen. Später wurde der Fund als Neandertaler bekannt und Darwins Theorien erhielten ein Fundament. Im Jahr 1871 veröffentlichte Charles Darwin sein Werk „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“. In diesem beschreibt er, dass die Vorfahren des Menschen wohlmöglich aus Afrika stammten, da Gorillas und Schimpansen dort ebenfalls beheimatet sind.

„Darwin machte den Menschen, als Krone der Schöpfung, zum Affen.“

Und zur damaligen Zeit waren nur wenige Menschen und schon gar nicht die Obrigkeit dazu bereit, sich zum Affen machen zu lassen. Also gab es durchaus Gegenwehr.

Die Evolution des Menschen folgte keinem übergeordneten Plan

Im Kreationismus glaubt man daran, dass es einen Schöpfer bzw. einen intelligenten Designer gibt, welcher die Welt und seine Geschöpfe erschaffen hat. Somit stellen die Kreationisten die biblische Schöpfung in den Mittelpunkt ihrer Theorie und machen Gott zu einem intelligenten Wesen, welcher einen Plan mit seiner Schöpfung verfolgte.

Ausgeschmückt wird diese Theorie durch wissenschaftliche Begrifflichkeiten, wodurch die Schöpfung einen wissenschaftlichen Anstrich erhalten soll. Der Kreationismus ist demnach das Gegenstück zu allen bisherigen Evolutionstheorien.

Doch der Darwinismus stützt sich auf Funde von Fossilien und wird dadurch belegbarer. Zwar versuchen Kreationisten diese Funde dadurch zu entkräften, dass sie beschreiben – das Gott auch diese Geschöpfe geschaffen hat und es Gotteswille war, seine Schöpfung aussterben zu lassen – doch mit unzureichendem Erfolg.

Als der Mensch einen Zugang zur Genetik fand, wurde die Evolutionslehre noch belegbarer. Denn fortan konnte man aus den Genen und dem Erbmaterial einer Spezies ableiten, welche Verwandtschaftsverhältnisse genetisch zu anderen Arten existieren.

Die Abstammung des Menschen wird durch die Genetik deutlich

Durch die Errungenschaften der Genetik konnte die menschliche DNA entschlüsselt werden. Sie konnte mit anderen Arten verglichen werden, um Gemeinsamkeiten festzustellen. Je mehr Gemeinsamkeiten zwischen einer menschlichen DNA und einer Tierart existieren, je näher liegen beide in ihrer Abstammungslinie.

Der genetische Abstand zweier Arten verriet also das Verwandtschaftsverhältnis, ließ erkennen – welche gemeinsamen Vorfahren beide Spezies hatten. Auf dieser Grundlage teilte man die Arten in Gattungen, Familien, Ordnungen, Klassen oder andere Taxons ein. Diese Disziplin wird in der Biologie als Systematik bezeichnet und liefert ein Ordnungssystem auf Grundlage einer gemeinsamen Stammesgeschichte.

Laut dieser Systematik ist der moderne Mensch (Homo sapiens) eine Tierart aus der Gattung Homo. Neben dem Homo sapiens gibt es weitere Menschenarten in der Gattung Homo, welche allerdings allesamt ausgestorben sind. Dazu zählen bspw. der Neandertaler, Homo erectus oder Homo heidelbergensis. Jede Tierart, welche mit einem Homo im lateinischen Namen beginnt gehört zur Gattung Mensch.

Da die nächsten Verwandten der Menschen die Schimpansen, die Orang-Utans und die Gorillas sind, werden alle vier Gattungen zur Familie der Menschenaffen (Hominidae) zusammengefasst. Der Mensch ist demnach ein Menschenaffe aus der Ordnung der Primaten, aus der Klasse der Säugetiere und aus dem Tierstamm der Wirbeltiere.

Was heißt das…..
Mit allen anderen Tieren aus diesen Gruppen teilt der Mensch eine gemeinsame Stammesgeschichte, welche zu irgendeiner Zeit einen gemeinsamen Vorfahren hervorbrachte, sich dann aber in zwei Entwicklungslinien teilte. So teilten sich bspw. die Mäuse und Primaten vor 40 Millionen Jahren, der Mensch vom Schimpansen erst vor 4 oder 6 Millionen Jahren usw.

Jeder Mensch besitzt demnach ein entferntes Verwandtschaftsverhältnis zu Mäusen, Krokodilen, Schafen, Vögeln, Fischen und allen anderen Tieren. Und geht man immer weiter zurück, existiert ein Verwandtschaftsverhältnis zu allen Eukaryoten (Lebewesen mit Zellkern), wie den Pflanzen, Pilzen, Algen oder niederen Tieren.

Und falls man noch weiter gehen möchte, existiert auch eine Verwandtschaft zu allen anderen Domänen, wie den Bakterien oder Archaeen (Urbakterien) – welche als Prokaryoten zusammengefasst werden. Die Genetik belegt das Verwandtschaftsverhältnis, indem die Übereinstimmung der Gene betrachtet wird. Dadurch wird eine Rekonstruktion einer gemeinsamen Stammesgeschichte der Arten möglich und in der Systematik darstellbar.

Alle Nachkommen seit der Schimpansen Abspaltung werden zoologisch als Hominini bezeichnet

Da man immer mehr Fossilien ausgestorbener Menschenarten fand, musste man diese auch in der Systematik einordnen. Und zwar zwischen der heutigen Menschenart (Homo sapiens), den ausgestorbenen Menschenarten (Gattung Homo) und den Menschenaffen (Familie).

Um nun alle Menschenarten und auch sämtliche menschliche Vorfahren seit der Schimpansen-Abspaltung in einer Gruppe zu vereinen, rückte man den Tribus Hominini zwischen der Gattung Homo und der Familie der Menschenaffen ein.

In diesen Tribus sollten der Jetztmensch, alle ausgestorbenen Menschenarten, die Vormenschen und die Affenmenschen – als direkte Nachkommen der Schimpansen-Menschen-Abspaltung einrücken. Hominini bedeutet demnach so etwas wie menschenähnlich (zoologisch).

Die Systematik des Menschen spiegelt die Stammesgeschichte wieder

Anbei die Systematik des Menschen, welche die Stammesgeschichte und Verwandtschaftsverhältnisse wiederspiegelt:

  • Domäne: Eukaryonten
  • Reich: Tierreich
  • Überstamm: Neumünder (Deuterostomia)
  • Stamm: Chordatiere (Chordata)
  • Unterstamm: Wirbeltiere (Vertebrata)
  • Überklasse: Kiefermäuler (Gnathostomata)
  • Reihe: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
  • Klasse: Säugetiere (Mammalia)
  • Unterklasse: Höhe Säugetiere (Eutheria)
  • Ordnung: Herrentiere (Primaten)
  • Teilordnung: Affen (Anthropoidea)
  • Familie: Menschenaffen (Hominidae)
  • Tribus: Hominini
  • Gattung: Homo
  • Art: Jetztmensch oder Mensch (Homo sapiens)

Was heißt das nun für Neandertaler und Co?
Der Neandertaler (lateinisch: Homo neanderthalensis) gehört zur selben Gattung wie der Jetztmensch, ist allerdings eine andere Menschenart. Genauso verhält es sich mit jeder anderen Menschenart, wie Homo erectus oder Homo habilis. Alle gehören zur Gattung Homo und sind der heutigen Menschenart am Verwandtesten. Die übrigen Rangstufen sind gleich. Wir unterscheiden uns demnach von den ausgestorbenen Menschenarten lediglich auf der Art-Ebene.

Was ist mit Vor- und Frühmenschen?
Diese bilden eigene Gattungen im Tribus Hominini. Demnach stimmen lediglich die untersten Rangstufen (Art und Gattung) nicht mit dem Jetztmenschen überein. Der Rest bleibt gleich.

Die Stammesgeschichte der Menschheit ist ein Zufallsprodukt

Die Evolution basiert auf zufällig stattfindenden Mutationen. Dabei verändern sich Gene ganz zufällig und ständig. Und diese Genänderungen haben mitunter Auswirkungen auf einzelne Merkmale. So kann sich der Gang ändern, die Zähne kleiner werden oder Ähnliches. In den meisten Fällen bleiben diese Mutationen allerdings unbemerkt.

Ob eine Mutation tatsächlich unbemerkt bleibt, hängt mit den Lebensumständen der Spezies zusammen. Denn sobald sich eine Merkmalsänderung als Vorteil herausstellt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Merkmalsträger überlebt bzw. länger lebt. Und mit deren Überlebenschance steigt auch die Wahrscheinlichkeit zur mehrfachen Fortpflanzung.

Und die Fortpflanzung ist die Antriebsfeder der Evolution. Denn die mutierten Gene sind vererbbar. Somit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mutation sich auf Folgegenerationen weiter vererbt.

Hier wird der Widerspruch zu den Kreationisten noch einmal deutlich. Die Natur bzw. Biologie basiert nicht auf einen übergeordneten Plan, sondern auf dem Prinzip: Try and Error.

Jede Mutation ist die zufällige Möglichkeit zur Änderung einer Spezies. Ob diese Änderung für eine ganze Spezies angenommen wird, liegt daran – ob sich durch die Veränderung ein Vorteil ergibt oder nicht. Erst durch Fortpflanzung und Vererbung kann die Mutation – auf sehr lange Sicht – artspezifisch werden. Die natürliche Auslese (Selektion) findet demnach zwischen den Arten, aber auch innerhalb einer Art statt.

Viele der Mutationen bleiben unbemerkt. Doch sobald sich eine Konkurrenzsituation zu einer anderen Art oder zu einem Artgenossen einstellt – kann sich die veränderte Gen bzw. Merkmalsausprägung als nützlich erweisen. Dann kann es sein, dass das veränderte Individuum dieser Art vielleicht besser Nahrung findet, auf Weibchen attraktiver wirkt oder in seinem Lebensraum eine Nischenstellung erreicht. All dies kann dazu führen, dass dieses veränderte Individuum sich öfter fortpflanzt, wodurch dessen Gene in nachfolgenden Generationen überleben werden.

Wie entstanden neue Menschenarten

Evolution und Stammesgeschichte sind langwierige Prozess, welche Jahrmillionen andauern. Das Individuum mit dem Merkmalsvorteil wird sich wohlmöglich besser und mehr vermehren als seine Artgenossen ohne Vorteil. Die neuen Nachkommen haben dann das mutierte Gen ebenfalls in ihren Allelen, wodurch sich der Vorteil auch bei ihnen auswirkt.

Und auch diese neue Generation weiß, wie man Vorteile ausnutzt – vermehren sich auch häufiger und öfter als ihre Artgenossen. Noch mehr Fortpflanzung bedeutet eine noch höhere Wahrscheinlichkeit, dass der Vorteil nachhaltig erhalten bleibt. Irgendwann hat sich das Wesensmerkmal derart durchgesetzt, dass die ganze Art über diesen Vorteil verfügt.

Und dann?
Dann steht die Vorteilspopulation einer Population gegenüber, welche den Vorteil nicht hat. Die Vorteilspopulation wird die alte Population dann verdrängen, deren Ressourcen beanspruchen und sie somit zum Aussterben zwingen. Denn die Ökologie eines Lebensraumes oder Ökosystems basiert auf Knappheit von Ressourcen. Der alten Art bleibt dann entweder die Möglichkeit zum Aussterben oder zum Ausweichen auf eine neue Nische.

So kann es sein, dass die alte Generation nachtaktiv wird – um der direkten Jagdkonkurrenz zu entgehen. Oder sie verändert ihren Lebensraum, wodurch andere Merkmale zum Tragen kommen – welche sich vielleicht auch als Vorteil herausstellen.

Evolution basiert demnach auf Ökologie, auf Knappheit von Ressourcen und einer Konkurrenzsituation der Arten untereinander sowie innerhalb der Art. Ein Vorteil kommt nur durch die Knappheit an Ressourcen oder durch Begrenzung des Lebensraum zum Tragen. Ohne diese Knappheit wäre er bedeutungslos, da jedes Individuum über alle Bedarfsgüter verfügen könnte.

Die ökologischen Umstände (Klimaänderungen, Konkurrenz, Katastrophen) zwingen die Arten demnach ihren Vorteil zu erkennen und zu nutzen. Dabei bildet jede Art eine Vielzahl von ökologischen Nischen, um der Konkurrenz mit anderen Arten zu entgehen. Solche Nischen können bspw. eine Nistnische sein – indem man andere Rückzugsgelegenheiten findet als konkurrierende Arten. Eine andere Nische wäre Nachtaktivität oder Tagaktivität.

Durch die Merkmalsänderung und evolutionäre Anpassung kann jede Spezies mehrere Nischen besetzen (Fressnische, Nistnische, Fortpflanzungsnische usw.). Der Ort, wo die Art ihre Nische bildet – wird als Habitat bezeichnet. Die Urmenschen besaßen demnach Habitate in Höhlen, um ihre Ahnen zu bestatten, aber auch Habitate in Steppen und Savannen, um zu jagen. Ein Rückzugshabitat ist der Wald, um sich zu verstecken usw.

Die Bildung einer Vielzahl von ökologischen Nischen ist demnach gekoppelt an die Anpassung an ein bestimmtes Habitat. Und diese Anpassung basiert auf zufällig stattfinden Merkmalsänderungen in den Genen, wodurch sich einige Individuen einer Art besser anpassen können als andere. Diese werden überleben, länger leben, mehr Nahrung haben und sich schließlich mehr fortpflanzen können. Dadurch entsteht über einen sehr langen Zeitraum eine neue Population und wenn diese sich stark von der Ursprungspopulation unterscheidet, findet eine Artentstehung statt.

Wann spricht man von einer neuen Art?
Eine Art bzw. Spezies ist dann eine Art, wenn sie sich mit Artgenossen fortpflanzen kann und dabei fruchtbare Nachkommen zeugen kann. In diesem Sinn gehören Mensch und Schimpanse nicht zur selben Art, da keine fruchtbaren Nachkommen gezeugt werden können.

Fruchtbarkeit in der Nachkommenschaft ist demnach das Artmerkmal. Denn auf Gattungsebene existieren oftmals noch so viele genetische Gemeinsamkeiten, dass Hybride gezeugt werden könnten – welche aber unfruchtbar sind. So können sich bspw. Löwen und Tiger paaren, allerdings sind Töwe und Liger beide unfruchtbar.

Affen und Menschen können nicht einmal unfruchtbare Nachkommen zeugen, da die genetische Trennung viel zu weit zurückliegt.

Aber….
Zwischen den einzelnen Menschenarten kam es zwar auch zu Fortpflanzungsprozessen und Kreuzungen, wobei fruchtbare Nachkommen entstanden sind. Dies liegt aber daran, dass die Menschheit noch sehr jung war und der letzte gemeinsame Vorfahre nicht lange genug zurücklag.

Der Stammbaum des Menschen ist keine Weiterentwicklung des Affen

Evolution bedeutet nicht Weiterentwicklung, sondern das Schaffen von neuen Möglichkeiten, indem zufällige Mutationen auftreten, welche Vorteil oder Nachteil sein könnten. (Try and Error Prinzip)

Demnach ist der Mensch keine Weiterentwicklung des Schimpansen. Beide trennten sich vor Millionen Jahren und durchliefen ihren eigenen Evolutionsweg. Jede heute lebende Art bildet das Ende ihrer eigenen bisherigen Evolutionslinie. Sie ist somit das höchstentwickelte Wesen seiner Entwicklungslinie.

Somit ist der Schimpanse das Produkt seiner Evolutionslinie, welche unabhängig vom Menschen verlief. Und auch jeder Fisch, jeder Lurch oder jedes Insekt stellt das Ende seiner Evolutionslinie dar. Darüber gibt es keine Weiterentwicklung mehr, da die Art die höchste Entwicklungsstufe ist.

Kurzum….
Mensch und Schimpansen teilen sich nur einen direkten Vorfahren, mehr nicht.

Die Stammesentwicklung der Menschheit ist keine Einbahnstraße

Die Evolution aller Arten ist keine Einbahnstraße. Stattdessen gab es überall evolutionäre Nebenlinien, welche mitunter einige Millionen Jahre neue Arten hervorbrachten, welche dann doch ausstarben. Auch dies zeigt die Try-and-Error-Prinzipien der stammesgeschichtlichen Artentwicklung.

Beim Stammbaum der Menschen wird unter anderem die Gattung Paranthropus, deren Vertretern man auch Werkzeugbau unterstellt, als evolutionäre Seitenlinien betrachtet. Diese lebten immerhin 1,8 Millionen Jahre in Ostafrika und Südafrika, brachten drei Arten hervor, bevor sie vor 1,5 Millionen Jahren ausstarben und keine Nachfolger hinterließen. Und 1,8 Millionen Jahre ist immerhin sechsmal so lange, wie der Jetztmensch existiert.

Die Evolution des Menschen ist gekoppelt an Umweltereignissen

Katastrophen und andere große Umweltereignisse führen dazu, dass sich das Lebensumfeld einer Art grundlegend ändert. Und schließlich bewirkt der Anpassungsdruck, dass die Art eine neue ökologische Nische bilden muss, dafür die notwendigen evolutionären Adaptationen ausbildet und sich schließlich verändert.

Neben Mutation und Selektion sind demnach auch Isolation (auf Inseln), Migration oder Gendrift weitere Evolutionsfaktoren. So herrschte im Miozän (vor etwa 23 bis 5,33 Millionen Jahren) ein warmes Trockenklima, wodurch Savannen entstanden und großflächige Urwälder verschwanden. Zu dieser Zeit waren Antarktika, Australien, Afrika und Südamerika bereits eigenständige Kontinente. Und somit konnte eine menschenähnliche Population, welche wohlmöglich in Afrika entstand, sich nicht ungehindert ausbreiten, ohne Meerstraßen zu überqueren.

Das Zeitalter des Miozäns war vermutlich die Geburtsstunde des menschlichen Urahns, welcher als Sahelmensch oder Sahelanthropus bezeichnet wird. Dieser lebte vermutlich in der subsaharischen Sahelzone am Tschadbecken. Denn man fand dessen Überreste im Jahr 2001 in der Djurab-Wüste im Norden des Tschad (Zentralafrika).

Anhänger der Savannen-Theorie sind der Meinung, dass die Savannenbildung im Miozän zur Menschwerdung beitrug, da die in den Bäumen lebenden Vorfahren der Hominini ihren Regenwald aufgeben mussten und fortan in der baumlosen Savanne überleben sollten. Dies führte wohlmöglich dazu, dass sich der aufrechte Gang der Hominini durchsetzen sollte.

Gegner dieser Hypothese sind der Meinung, dass die entfernten Vorfahren des Menschen bereits im Wald laufen konnten. Somit hat sich dieses Merkmal nicht erst aus dem Anpassungsdruck der zunehmenden Savannenlandschaft ergeben. (unten mehr)

Zeittafel zum Stammbaum der Menschheit

Der Beginn der Hominini wird auf einen Zeitraum vor 7 bis 6 Millionen Jahren datiert, als der Sahelmensch (Sahelanthropus) als erster Affenmensch das Licht der Welt erblickte. Diese Urahn ist nicht unumstritten und wird in Forscherkreisen auch mal mehr als „reine“ Affengattung anstelle einer Homini-Gattung beschrieben.

stammbaum-der-menschen

Stammbaum der Menschen in Mio. Jahren bis heute

Affenmenschen

Zur Gattung der Sahelmenschen (Sahelanthropus ) gehört nach heutigem Forschungsstand nur eine Art an. Und diese wurde nach dem Fundort im Tschad benannt. Demzufolge trägt sie den Artnamen: Sahelanthropus tchadensis, was übersetzt „Sahel-Mensch aus dem Tschad“ bedeutet.

Sahelanthropus tschadensis affenmensch

Schädel des Sahelanthropus tschadensis, Entdeckt im Jahr 2001 in der Wüste Djurab im Norden des Tschad, Zentralafrika. Datiert auf ein Alter von 7-6 Millionen Jahren

Der 2001/2002 gefundene Schädel des Sahelmenschen war plattgedrückt. Allerdings waren Zähne und Gebiss erhalten. Man konnte das ursprüngliche Innenvolumen des Schädel berechnen und kam auf eine Zahl von 320 bis 380 Kubikzentimetern, was der Hirn-Größe eines Schimpansen entsprach. Später ergaben Neuberechnungen einen Wert von 360 bis 370 cm³.

Aufgrund der Lage des Hinterhauptlochs (Foramen magnum) am Schädel konnte vermutet werden, dass Sahelanthropus tchadensis sich bereits aufrecht fortbewegte. Laut der Savannen-Hypothese (siehe oben) ging man davon aus, dass der aufrechte Stand und Gang dazu diente, sich in der baumlosen Gegend der Savanne besser fortbewegen zu können.

Die Geburtsstunde des aufrechten Ganges

Der Tribus der Hominini war mit Sahelanthropus (vor 7 Mio.) geboren. Ihn und seine Nachfolger einte ein wichtiges Merkmal. Und zwar der aufrechte Gang. Alle Vertreter der Hominini unterschieden sich anatomisch von den restlichen Menschenaffen, da:

  • die hinteren Extremitäten sich verlängerten und zu Laufbeinen wurden,
  • sich die Mittelfußknochen verlängerten und die Zehen verkürzten,
  • sich dadurch die Großzehen zurückbildeten und nicht mehr als Greifapparat dienten, um an Bäumen zu hangeln
  • sich der Beckengürtel vergrößerte und zunehmend stabiler wurde, um so den ganzen Oberkörper tragen zu können
  • sich das Hirnvolumen vergrößerte
  • sich der Geburtskanal vergrößerte, da der größere Schädel ansonsten nicht hindurchpasste
  • sich die Mittelhandknochen verkürzten, um präziser zugreifen zu können
  • sich der Brustkorb verengte, um ihm aufrechten Gang besser atmen zu können

Was verrät der Schädel über die Gangart des Menschen

Das Problem bei menschenähnlichen Fossilien ist, dass man meistens nur einen Schädel und ein paar Zähne fand. Aber daraus können heutige Forscher die Gangart erkennen. Denn der Schädel eines Wirbeltieres hat ein Loch, welches die Verbindung zum Wirbelkanal (Rückenmark) bildet. Wissenschaftlich wird dieses Hinterhauptsloch als Foramen magnum bezeichnet.

Foramen magnum

Foramen magnum beim menschlichen Schädel befindet sich mittig unter dem Schädel

Bei Vierbeinern befindet sich dieses Hinterhauptsloch etwas weiter hinten (oben) liegend, was die Bewegung auf vier Beinen unterstützt. Denn der Kopf muss nach vorn gehalten werden und deshalb müssen Wirbelsäule und Schädel ganz anders verbunden sein. Etwas überspitzt kann man sagen, dass Vierbeiner dieses Loch am Hinterschädel haben.

Beim Menschen befindet sich diese Schädelloch in der Mitte bzw. tiefer. Da der Mensch aufrecht steht, befindet es sich also unter dem Schädel. Dies ermöglicht, dass der Schädel oben auf dem Rumpf bzw. der Halswirbelsäule mittig aufsitzen kann, was bei den Zweibeinern zwingend notwendig ist, um die Koordination zu halten.

Allein durch die Lage des Hinterhauptsloches bei einem fossilen Schädel können die Forscher demnach Rückschlüsse ziehen, ob diese Spezies sich auf zwei oder vier Beinen bewegt haben muss.

Die Geburtsstunde des Präzisionsgriffes

Ein weiterer möglicher Urahn der Menschenreihe war die Gattung Orrorin, von der ebenfalls nur eine Art bekannt ist. Laut deren Fundort in den Tugen-Hills in Kenia wurde diese Art als Orrorin tugenensis benannt. Und da man das Fossil im Jahr 2000, also zur Jahrtausendwende fand, wurde auch der Name „Millennium Man“ publiziert.

Man fand einen Unterkiefer, einen Mahlzahn, einen Fingerknochen, ein Bruchteil eines Oberarmknochens sowie drei Fragmente eines Oberschenkelknochens. Später fand man sogar noch eine Fingerspitze. Da die Fundstücke von Gestein mit vulkanischen Ursprung umgeben waren, ließ dies eine relativ zuverlässige Datierung zu. Man konnte den Miliennium Man ein Alter von 6,2 bis 5,65 Millionen zusprechen.

Anhand der Struktur der Fragmente des Oberschenkelknochens vermuteten die Forscher, dass Orrorin tugenensis aufrecht stand und gang. Der Oberarmknochen ließ vermuten, dass die Spezies dazu in der Lage war, schwere Lasten zu heben. Da auch der Finger erhalten war, konnte man die Fingerglieder mit den heutigen Menschen, Gorillas und Schimpansen vergleichen. Die Forschung kam zu dem Schluss, dass der Daumen gegenübergestellt werden konnte.

Die Gegenüberstellung bzw. Opponierbarkeit des Daumens ermöglicht, dass die Hand zu einer Faust geballt werden kann und so Dinge in die Hand genommen werden können. Diese Fähigkeit besitzen viele Primaten, einige Vogelarten (z.B. Papageien), Koalas, Pandabären und andere Tiere. Anhand der Fingerspitze konnte man außerdem ableiten, dass Orrorin tugenensis die Fähigkeit entwickelt hatte, präzise zuzugreifen. Dieser Präzisionsgriff ist die Grundlage dafür, dass Filigranarbeit überhaupt erst möglich wird.

Die Kontroverse über den aufrechten Gang

Sowohl für den Sahelmenschen (Sahelanthropus, anthropus = Mensch) als für den Millennium Man (Orrorin) wurde der aufrechte Gang bescheinigt. Und die Einordnung in den Tribus der Hominini ging einigen Wissenschaftlern viel zu schnell. Denn allein die Gangart als Merkmal heranzuziehen, war in ihren Augen zu wenig. Schließlich vermutete man den aufrechten Gang bereits bei der Gattung Oreopithecus (vor 8-7 Mio. Jahren) und bei der Gattung Ramapithecus (vor 14 Mio. Jahren). Und beide Primatengattungen wurden jenseits der Homini eingeordnet.

Die Debatte hält sich bis heute. Einige sehen Sahelanthropus als Vertreter der Hominini und andere ordnen ihn in einer anderen Entwicklungslinie der Menschenaffen unter. Der Gattungsname Sahelpithecus (altgriechisch: píthēkos = Affe) bzw. Sahelaffe wäre in diesem Fall treffender.

Das Sozialverhalten verändert sich mit dem Gebiss

Vor etwa 5,7 bis 4,4 Millionen Jahren lebte eine weitere Gattung, welche man in den Tribus der Hominini einordnet. Gemeint ist die aus Äthiopien stammende Gattung Ardipithecus (ardi = Erdboden). Auch dieser könnte an der Basis der menschlichen Stammesgeschichte stehen. Anders als seine Verwandten trägt er aber nicht den menschlichen Verweis anthropus (=Mensch) im Namen, sondern pithecus (=Affe). Übersetzt bedeutet Ardipithecus in etwa „Bodenaffe“.

Zwei Arten des Ardipithecus sind bekannt:

  • Ardipithecus ramidus („Bodenaffe an der Wurzel des Menschen“) lebte vor etwa 4,4 Millionen Jahren
  • Ardipithecus kadabba („Ahnherr der Bodenaffen“) lebte vor etwa 5,7 bis 5,2 Mio. Jahren

1992 fand man im Afargebiet in Äthiopien einen Unterkiefer mit Molar (Mahlzahn). Später konnte man 5 weitere Fundstellen in diesem Gebiet ausmachen, an denen man Überreste von 10 unterschiedlichen Individuen sicherte.

Ardipithecus ramidus

Der Schädel von Ardipithecus ramidus


Anhand der Zähne konnte man erkennen, dass sich die sogenannte Affenlücke zurückbildete. Gemeint ist eine Zahnlücke im Primatengebiss, welche sich zwischen Eck- und Schneidezähnen im Ober- und Unterkiefer ergibt. Beim geschlossenen Maul können dadurch die großen Eckzähne in den gegenüberliegenden Zwischenraum unterkommen.
gorilla schädel mit affenlücke

Schädel eines Gorillas (männlich) mit übergroßen Eckzähnen und der Affenlücke im jeweils gegenüberliegenden Kiefer

Der moderne Mensch hat diese Affenlücke nicht mehr. Denn die Eckzähne sind nicht bedeutend größer als die Schneidezähne, weshalb der gegenüberliegende Kiefer keinen Zwischenraum benötigt.

Beim Affen bewirken die übergroßen Eckzähne, dass sich Schleifspuren an den Zähnen ergeben, wodurch die Eckzähne permanent nachgeschärft werden. An den gefunden Zähnen des Ardipithecus kadabba konnte man diese Schliffspuren nicht erkennen, wodurch man vermutete, dass die Größe der Eckzähne zurückging.

Das Affengebiss mit seinen übergroßen Eckzähnen dient als Dominanzmerkmal der Männchen und wird für Imponierverhalten genauso eingesetzt, wie zur Drohung. Und aufgrund der Zahnfunde konnte man vermuten, dass sich das Sozialverhalten der männlichen Bodenaffen (Ardipithecus) gegenüber den Weibchen und männlichen Artgenossen verändert haben muss. Dieses Merkmal war bereits beim Ardipithecus kadabba nachgewiesen wurden.

Die Wissenschaft spricht von einer „dramatische Feminisierung“ der Eckzähne.

Vormenschen

In diesen zweiten Abschnitt der Stammesgeschichte fallen die Gattungen:

  • Australopithecus („Südaffe“), welche vor 4,2 bis 2 Mio. Jahren in Südafrika lebten
  • Kenyanthropus („Mensch aus Kenia“), welche vor 3,5 bis 3,3 Mio. Jahren in Kenia lebten
  • Paranthropus („Nebenmensch“), welche vor 2,8 bis 1 Mio. Jahren in Südafrika und Ostafrika lebten

Wissenschaftlich werden diese drei Gattungen unter dem Namen Australopithecinen zusammengefasst. Der Name entstand erst später, da der Südaffe (Australopithecus) lange als einzige Vormensch-Gattung galt.

Auch heute wird die Alleinstellung der beiden anderen Gattungen noch diskutiert. Und selbst die Affenmenschen – also Ardipithecus (Bodenaffe), Sahelmensch (Sahelanthropus) und Orrorin (Millenium Man) werden von einem Teil der Forscher lediglich als Unterarten der Südaffen-Gattung (Australopithecus) betrachtet.

Mögliche Erstnutzung von Steingeräten und Werkzeugen

Als Oldowan-Kultur (vor 2,6 oder 1,5 Mio. Jahren) wird die älteste menschliche Kultur bezeichnet, welche Steinwerkzeuge nutze. Dies markiert den Beginn der Steinzeit, also somit auch der ersten Epoche der Menschheitsgeschichte.

Als Steingerätproduzenten der Oldowan gelten die Arten aus der Gattung Homo, welche circa 0,5 Mio. Jahre nach den Vormenschen auftraten.

Doch….
Im Jahr 1999 entdeckten Forscher um Justus Erus den fossilen Schädel einer unbekannten Hominini-Gattung im Westen des Turkana-Sees in Kenia. Der Schädel war eingedrückt, so dass man den Fund als „flachgesichtiger Mensch aus Kenia“ bezeichnete. Mit diesen Überresten wurde die Gattung Kenyanthropus („Mensch aus Kenia“) begründet, deren einzige Art der Kenyanthropus platyops bleiben sollte (altgriechisch: platus = flach, opsis = Gesicht).

Eine Datierung ergab, dass dieser menschliche Vorfahre vor etwa 3,5 bis 3,3 Mio. Jahren gelebt haben muss. Das Gebiet, im Westen des Turkana-Sees, wo man den Keniamenschen fand, wird als Lomekwi-Region bezeichnet.

Der „flachgesichtige Mensch aus Kenia“ bildet eine eigenständige Art und ist der einzige Gattungsvertreter der Kenyanthropus innerhalb der Vormenschen. Es ist allerdings durchaus umstritten – ob Kenyanthropus nicht nur eine Variante der Australopithecus (Südaffe) ist.

Dennoch…
Ab dem Jahr 2011 wurden Steingeräte um den Fundort geborgen, welche auf die Oldowan-Kultur schließen lassen. Eine Datierung ergab, dass die Steingeräte etwa 3,3 Millionen Jahre alt waren. Das älteste Fossil eines Vertreters aus der Gattung Homo stammt aus dem Jahr 2015, wird als LD 350-1 bezeichnet und wurde auf ein Alter von 2,8 bis 2,75 Mio. Jahren datiert.

Also wenn die ersten Menschenarten erst rund 500.000 Jahre später auftraten und die bisher ältesten Oldowan-Steingeräte ebenfalls aus einer Zeit von 1 Mio. Jahren später stammten, wie kamen die Vormenschen aus Kenia daran.

Die neu entstandene Kultursichtweise wurde nach dem Fundort benannt und wird als Lomekwi-Kultur bezeichnet. Auch diese Funde stellen die Forschung vor weiteren Fragen zur Rekonstruktion und Überarbeitung der bisherigen Stammesgeschichte.

Paranthropus als mögliche Nebenlinie der Vormenschen

Paranthropus (Nebenmensch) gilt als fossile Gattung der Hominini. Ein besonders markantes Merkmal ist das Gebiss, welches bei der Art Paranthropus boisei auch zum Beinnamen „Nussknacker-Mensch“ führte.

Paranthropus boisei

Madrid, Spanien – 11. Juli 2016: Schädel von Paranthropus boisei oder Australopithecus boise im Archäologischen Nationalmuseum von Madrid, Bildnachweis: WH_Pics / Shutterstock.com


Aus der Gattung sind bisher drei Arten bekannt:

  • Paranthropus aethiopicus lebte vor 2,7 bis 2,3 Mio. Jahren in Äthiopien und Kenia
  • Paranthropus boisei lebte vor 2,3 bis 1,4 Mio. Jahren in Tansania, Kenia, Malawi und Äthiopien
  • Paranthropus robustus lebte vor 1,8 bis 1,2 Mio. Jahren in Südafrika und Tansania

Während des Auftretens der Gattung Paranthropus existierte bereits die Gattung Homo mit ihren frühesten Vertretern Homo rudolfensis und Homo habilis. Deshalb wird Paranthropus als evolutionäre Seitenlinie verstanden und nicht als direkter Vorfahre der Homo-Gattung.

Weiterhin wurden 2017 am Victoriasee in Kenia auch Steingeräte gefunden, welche wohlmöglich vom Nebenmenschen (Paranthropus) stammten und deren Alter auf 2,9 Mio. datiert wurden. Demnach könnte auch der Nebenmensch Steinwerkzeuge genutzt haben, ähnlich wie die Lomekwi-Kultur des Keniamenschen (Kenyanthropus).

Einige Paläoanthropologen sprechen den Paranthropus den Gattungsrang ab und ordnen sie stattdessen als später Vertreter der Australopithecus (Südaffen) ein. Demnach soll es robuste Arten von Australopithecus gegeben haben, welche über einen starken Kauapparat verfügten. Dies wären die drei Arten des Paranthropus, welche mit ihren Mahlzähnen die Gräser, Samen und Wurzeln der Savanne zermalmten. Demgegenüber stehen die grazilen Arten des Australopithecus kamen in Südafrika mit weichfaserigen Pflanzen aus.

Australopithecus als übergeordneter Vormensch

Die Gattung der Südaffen (Australopithecus) nehmen in der Gruppe der Vormenschen eine Vormachtstellung innerhalb der Forschergemeinde ein. Denn die bedeutendsten Funde stammen allesamt vom Südaffen. So entdeckte der US-amerikanische Paläoanthropologe Donald Johanson am 24. November 1974 die Überreste eines weiblichen Australopithecus aferensis in Hadar (Äthiopien).

Da im Forschercamp permanent der Beatle-Song „Lucy in the sky with diamonds“ lief, benannte man den Fund nach dem Titelsong und gab ihm den Namen Lucy.

Eine Datierung ergab, dass Lucy etwa 3,2 Millionen Jahre alt und als junge Erwachsene starb. Sie war nicht größer als 105 cm und wog etwa 27 kg.

Neben dem Schädel fanden die Archäologen auch Rippen, Oberschenkelknochen, Schienbein, Teile des Beckengürtels, sowie der Wirbelsäule. Damit war Lucy das beste Skelett, welches man bis dahin fand. Demnach konnte die Forschung sehr viele Erkenntnisse aus diesen Fossilien gewinnen.

Australopithecus afarensis lucy

13. Juli 2016: Lucy-Skelett (Australopithecus afarensis) im Naturhistorischen Museum Wien, Österreich, Bildnachweis: Faviel_Raven / Shutterstock.com


Neben Lucy gilt das Kind von Taung, welches 1924 in Taung (Südafrika) gefunden wurde, als früherer Durchbruch der Paläoanthropologie. Denn die Zähne und der Schädel waren erhalten. Das Fossil stammte vom Australopithecus africanus, einer weiteren Art innerhalb der Australopithecus-Gattung.
Kind von taung

Australopithecus africanus Schädel . ( Taung Kind ) . Datiert auf ein Alter von 2,5 Millionen Jahren. Entdeckt 1924 in einem Kalksteinbruch in der Nähe des Dorfes Taung, Südafrika.

Aufgrund der Funde und dem daraus resultierenden Erkenntnisgewinn wurden spätere Funde oftmals dieser Gattung untergeordnet. Das Eröffnen für eine neue Vormensch-Gattungen (Paranthropus, Kenyanthropus) wurde erschwert.

Bis heute wurden 7 verschiedene Arten aus der Gattung Australopithecus (Südaffe) ausgemacht. Im Vergleich dazu wurden dem Keniamenschen (Kenyanthropus) mit nur 1 Art (platyops =Flachgesicht) und dem Nebenmenschen (Paranthropus) mit drei Arten etwas weniger Funde zugeordnet.

Fußspuren belegen, dass Australopithecus tatsächlich auf zwei Beinen ging

Die ältesten Fußspuren, welche von frühen Hominini stammen und erhalten geblieben sind – stammen wohlmöglich vom Australopithecus afarensis, der gleichen Südaffenart wie Lucy.

Entdeckt wurden diese 1978 in Laetoli (Tansania) und konnten auf ein Alter von 3,6 Mio. Jahre datiert werden. Sie gelten als Beleg dafür, dass sich Australopithecus afarensis tatsächlich auf zwei Beinen bewegt hat.

Frühmenschen

Ab jetzt beginnt die Menschheit tatsächlich zu existieren. Alle Vertreter der Gattung Homo sind Teil der Menschheit und Teil der Menschheitsgeschichte. Ihre erste Epoche wird als Altsteinzeit beschrieben, da das vorrangige Werkzeug und die Waffen aus Stein bestanden.

Zwar wird dem Australopithecus und den anderen Gattungen der früheren Hominini ebenfalls das Steinwerkzeug zugeschrieben. Dennoch sind dies lediglich Hypothesen. Mit der Oldowan-Kultur begann der Mensch, den Stein so zu bearbeiten, dass er ihn zweckdienlich einsetzen konnte.

Der Geburtsort der Menschheit ist wohlmöglich der Rudolfsee

Der „Mensch vom Rudolfsee“ (Homo rudolfensis) ist der ursprünglichste Vertreter aus der Gattung der Homo. Er lebte wahrscheinlich vor 2,5 bis 1,9 Mio. Jahren am Rudolfsee – welcher heute Turkana-See genannt wird und in Kenia liegt.

Der Rudolfmensch wurde im Jahr 1972 bekannt, da man im Norden Kenias einen Schädel fand, an welchem der Oberkiefer erhalten war, der Unterkiefer allerdings fehlte. Rund 20 Jahre später fand der deutsche Paläoanthropologe Friedemann Schrenk in Malawi einen weiteren Unterkiefer, dessen Alter auf 2,5 Millionen Jahre datiert werden konnte. Somit konnte Homo rudolfensis als die älteste Art aus der Gattung Homo bestätigt werden.

Homo rudolfensis

Homo rudolfensis Schädel


In unmittelbarer Nähe zu den Fundorten des Menschen vom Rudolfsees wurden keine Steingeräte entdeckt. Deshalb ist nicht hundertprozentig gesichert, dass Homo rudolfensis bereits Werkzeuge nutzte.
Homo rudolfensis Rekonstruktion

Rekonstruktion eines Schädels vom Homo rudolfensis, So könnte der erste Vertreter der Menschen ausgesehen haben

Zeittafel zur Stammesgeschichte der Menschenarten

zeittafel-menschenarten

Zeittafel der Menschenarten in Millionen Jahren bis heute

Insgesamt sind der Forschung 14 Arten aus der Gattung Homo bekannt, deren Artberechtigung allerdings teilweise umstritten ist. So wurde bspw. im Jahr 1976 am Bodo-Fluss in Äthiopien ein Schädel gefunden, worauf die Art Homo bodoensis hypothetisch geboren wurde.

Doch…
In der Forschung ist man sich bisher unklar, ob der Bodo-Schädel zu einer neuen Menschenart gehört oder lediglich eine Variante von Homo erectus, Homo heidelbergensis oder sogar des archaischen Homo sapiens ist.

So ähnlich verhält es sich auch mit anderen Homo-Arten, wie dem:

  • Homo floresiensis, welcher vor 100.000 bis 60.000 Jahren auf der Insel Flores (Indonesien) gelebt haben soll und als verkleinerter Homo sapiens oder Homo erectus diskutiert wird
  • Homo georgicus, welcher vor 1,85 Mio. Jahren im heutigen Georgien gelebt haben könnte und eine Mosaikform zwischen dem afrikanischen und asiatischen Homo erectus oder Homo sapiens sein könnte
  • Homo luzonensis, welcher vor etwa 60.000 Jahren auf den Philippinen gelebt haben soll und ebenfalls eine Variante des Homo erectus sein könnte
  • Homo naledi, welcher vor 300.000 Jahren in Südafrika auftrat und ebenfalls als Variante von Homo erectus oder Homo sapiens diskutiert wird
  • Homo naledi, welcher vor 300.000 Jahren in Sambia gelebt haben soll und als Variante von Homo erectus, Homo sapiens oder Homo heidelbergensis diskutiert wird.
  • Homo antecessor, welcher vor 900.000 Jahren in Spanien auftrat und als spanische Variante von Homo erectus oder als früher Vertreter von Homo heidelbergensis diskutiert wird

Wichtig ist….
Die Vorstellung, dass immer nur eine Menschenart auf dem Planeten existierte, diese irgendwann ausstarb und sich zu einer neuen Menschenart entwickelte – ist falsch. Tatsächlich lebten für mindestens 2 Mio. Jahre und bis vor 30.000 Jahren mehrere verschiedene Menschenarten auf der Erde nebeneinander.

Wieso auch nicht?
Denn schließlich gibt es auch verschiedene Katzenarten, welche sich in Großkatzen und Kleinkatzen einteilen lassen, zu denen dann Tiger, Löwe, Puma oder Wildkatze gehören.

Homo habilis als möglicher Erfinder der Werkzeuge

Homo habilis bedeutet „geschickter Mensch“ und man wählte den Namen deshalb, weil Steingräte rund um den fossilen Fundstellen entdeckt worden, welche zum Oldowan-Typ gehörten und die man dieser Spezies zuschrieb. Habilis wurde erstmals 1960 in der Olduvai-Schlucht in Tansania entdeckt. Weitere Funde wurden in Kenia, Äthiopien und Südafrika sichergestellt.

Homo habilis

Singapur 23. Februar 2021: die Replik basierend auf dem Exemplar KNM-ER 1813 (Homo habilis), 1973 Kenia, Koobi Fora, im Lee Kong Chian Natural History Museum. Vor 1,86 Millionen Jahren, Bildnachweis: Danny Ye / Shutterstock.com

Das Hirnvolumen von Homo habilis betrug lediglich 610 cm³. Damals zog man die Grenze zwischen Australopithecus und Homo am errechneten Hirnvolumen einer Art. Laut der herrschenden Meinung sollten alle Menschenarten ein Hirnvolumen von mindestens 700 cm³ oder besser 800 cm³ aufweisen. Ernst Mayer, welcher ein deutsch-amerikanischer Biologe und Hauptvertreter der modernen synthetischen Evolutionstheorie war, sprach sich 1950 sogar für eine Untergrenze von 950 cm³ aus.

Letztlich konnte sich Homo habilis, aufgrund der gefundenen Steingeräte, dennoch durchsetzen, so dass man die Messlatte für das Hirnvolumen auf 600 cm³ heruntersetzte Somit konnte Homo habilis als eigene Art der Homo-Gattung eingestuft werden. Und seit 1980 gilt Homo habilis als eine anerkannte Menschenart. Seither gilt er als Träger bzw. Begründer der Oldowan-Kultur.

Homo habilis muss parallel zum Homo rudolfensis gelebt haben. Wie es mit ihm weiterging, dazu gibt es zwei Theorien. Ein Teil der Forschung nimmt an, dass sich Homo habilis als Vorfahre von Homo ergaster etablierte. Und aus Homo ergaster wurde schließlich Homo erectus, der bekannteste aller Frühmenschen.

Ein anderer Teil der Forschung nimmt an, dass sich Homo habilis parallel zu Homo ergaster entwickelte, keine Nachfolger hervorbrachte und durch zunehmende Konkurrenz mit anderen Menschenarten einfach ausstarb.

Das Hirnvolumen der Frühmenschen wurde deutlich größer

Wie eben beschrieben, ist das Hirnvolumen das ausschlaggebende Merkmal, um zwischen Vormenschen (Australopithecinen) und Frühmenschen (Homo) zu unterscheiden. Wiesen die Affen- und Vormenschen noch ein Hirnvolumen ähnlich groß, wie das eines Schimpansen auf, veränderte sich dieses Merkmal mit der Gattung Homo entscheidend.

schädel vormenschen affenmenschen frühmenschen jetztmenschen

Entwicklung von Schädel und Hirnvolumen bei Vormenschen und Frühmenschen


Anbei die Hirnvolumen der Vormenschen-Gattungen und Arten.

  • Sahelanthropus tchadensis (Sahelmensch): 360 – 370 cm³
  • Australopithecus-Arten: 400 – 550 cm³
  • Paranthropus-Arten: 500 cm³

Zum Vergleich: Ein Schimpanse hat ein Hirnvolumen von 300 bis 400 cm³, also ähnlich groß – wie jenes der ersten Hominini.

evolution der menschlichen schädelformen

Illustration zur Veränderung der Schädelformen bei Früh- und Vormenschen


Mit Homo rudolfensis machte das Hirnvolumen einen Sprung auf 750 cm³. Hier die Hirnvolumen für die ausgewählten Homo-Arten:

  • Homo rudolfensis: 750 cm³
  • Homo habilis: 610 cm³
  • Homo ergaster: 750 – 900 cm³
  • Homo erectus: 650 – 1250 cm³
  • Homo neanderthalensis: 1200 – 1750 cm³
  • Homo heidelbergensis: 1116 – 1450 cm³
  • Homo sapiens: 1100 – 1800 cm³

Die Kognitive Revolution in der Stammesgeschichte der Menschheit

Der heutige Mensch wird als Frühgeburt geboren. Das bedeutet, dass Menschenbabys nicht allein überleben können. Alle lebenswichtigen Systeme sind unterentwickelt. Das betrifft nicht nur die Wahrnehmung, wie bei anderen Nesthockern – sondern bspw. auch die Verdauung und Fortbewegung. Ein Menschenkind ist komplett hilflos und muss über Jahre hinweg unterstützt und ernährt werden.

Warum?
Das Problem ist tatsächlich der Kopf. Das Gehirn eines Menschen ist im Vergleich zu seinen anderen Körperteilen einfach zu groß. Und ein übergroßes Gehirn, eingebettet in einen übergroßen Schädel hat einen Preis. Denn wahrscheinlich überlebten nur wenige Frühmenschen-Mütter eine Geburt.

Doch jene Frühmenschen, welche ihren Nachwuchs zu früh und somit zu klein geboren haben, hatten eine deutlich höhere Überlebenschance gegenüber denjenigen, welche ihre Kinder später und ausgewachsen bekamen. Somit konnten diese Frühgeburtsmütter sich auch häufiger fortpflanzen.

Die natürliche Selektion setzte ein und das Merkmal der Frühgeburt setzte sich artspezifisch durch. Heute ist jedes Menschenkind, biologisch gesehen, eine Frühgeburt.

Doch die Evolution hat auch die Aufzucht der Nachkommen begünstigt. So mussten Frühmenschen-Mütter einen ganzen Stamm bei der Versorge ihres Kindes einspannen. Ansonsten würde die Frühgeburt nicht überleben. Die Frühmenschenbabys mussten geschützt, betreut und ernährt werden. Und dass dies eine Mutter in der rauen Wildnis allein aufbringen konnte, ist zwar nicht undenkbar – aber dennoch unwahrscheinlich.

Diese frühe Sozialbildung führte dazu, dass der Mensch ein sehr soziales Wesen wurde, welches den Stamm oder die Gruppe zwingend zum Überleben brauchte.

Aber auch Sozialleben setzt zwischenmenschliche Beziehungen voraus, welche erhalten und erkannt werden müssen.

Und um dieses Sozialleben, mit allen zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Sippe, erfassen zu können -brauchte der Mensch wiederum eine große Hirnleistung. So musste ein Stammesmitglied nicht nur seine Beziehungen zu anderen Mitgliedern der Sippe verstehen können, sondern auch die Beziehung der Stammesgenossen untereinander.

Ein Frühmensch musste begreifen und behalten können, wer mit wem befreundet und wer mit wem befeindet ist. Da sich diese Beziehungen aber auch stets änderten, musste auch dies erkannt und als Erfahrung abgespeichert werden. Das Volumen des Gehirns ist demnach auch an die Komplexität der vorherrschenden Sozialordnung gekoppelt.

Unvollständige und schutzbedürftige Kinder haben wiederum den Vorteil, dass sie abhängig von ihren Eltern sind. Dadurch kann Erziehung und Bildung einsetzen, wie wir sie heute kennen. Ohne die Ausprägung zu einem frühmenschliche Sozialleben wären vermutlich Zivilisationen und andere gesellschaftliche Errungenschaften niemals möglich gewesen.

Diese kognitive Spitzenleistung ist wiederum nur möglich, durch ein übergroßes Gehirn und einem Schädel, in welchem dieses genügend Platz findet. Würde der Mensch heute noch auf vier Beinen laufen, müsste er diesen Schädel vor sich herschleppen – was unter Einbezug der Schwerkraft sehr mühselig wäre. Durch den aufrechten Gang und einem Schädel, welcher über den Rumpf getragen wurde – konnte sich der Mensch dieses übergroße Gehirn leisten.

Der Preis des übergroßen Gehirns

Alle Lebewesen nehmen Nahrung auf, schleusen diese in ihren Stoffwechsel ein – um daraus Energie zu schöpfen. Diese Energie steht dann für alle lebensnotwendigen Prozesse zur Verfügung. Tiere und Menschen besitzen allerdings eine unterschiedliche Muskelkraft und dass obwohl sie mitunter gleich viel Nahrung aufnehmen und in den Energiestoffwechsel einschleusen können.

Wieso ist das so?
Tja, der Mensch verbraucht circa 25 % seiner Energiereserven für ein funktionierendes Gehirn. Und das im Ruhezustand. Wenn ein Viertel aller Energiereserven schon für die Hirnleistung beansprucht werden, müssen Muskeln und somit Muskelkraft eingebüßt werden.

Zum Vergleich…
Ein Schimpansen-Gehirn beansprucht lediglich 8 % seiner Energiereserven, weshalb jeder Schimpanse auch den stärksten Menschen in Kraft überbieten kann.

Der Siegeszug der Menschheit geht auf Homo erectus zurück

Den Mittelpunkt der frühmenschlichen Geschichte bildet Homo erectus, welcher womöglich als Nachfahre von Homo ergaster vor 2 Mio. Jahren in Afrika entstand, um sich weiter nach Asien und Europa auszubreiten.

Die Nachfahren der Population, welche aus Afrika auswanderte, wurden zu Homo heidelbergensis und Homo neanderthalensis. Und die Nachfahren jener Population, welche in Afrika verblieb, entwickelte sich zum Homo sapiens.

Homo erectus gilt als erste Menschenart, welche Afrika als Wiege der Menschheit verließ. Durch die enorme Verbreitung über drei Kontinente hinweg, entwickelten sich zudem mehrere Brückenarten – wodurch der Zeitpunkt des Aussterbens von Homo erectus nicht rekonstruierbar ist.

Die Auswanderung von Homo erectus hatte zur Folge, dass sich die Menschheit ausbreiten konnte – neue Arten parallel hervorbringen konnte, welche nicht in direkter Gebiets-Konkurrenz zueinander standen. Dennoch beflügelte die spätere Konkurrenz, als man als Neandertaler und Homo sapiens wieder zusammenkam, die Kulturbildung, wodurch die Evolution an Fahrt aufnahm.

Durch die Beherrschung des Feuers konnte der Frühmensch seinen Lebensraum unterwerfen

Das Feuer bot Wärme, Schutz vor Raubtieren und die Möglichkeit zum Erhitzen von Speisen. Schon vor der Kunstfertigkeit, Feuer selbst zu entfachen – nutzen die Frühmenschen einen Waldbrand oder Blitzeinschläge, um ein Wildfeuer zähmbar zu machen. Auch lernten die Frühmenschen, dass geräuchertes Fleisch – nach einem Waldbrand – länger haltbar war.

Die frühesten Feuerstellen stammen aus der Wonderwerk-Höhle in Südafrika, sind circa 1. Mio. Jahre alt und gehen wohlmöglich auf Homo erectus zurück. Dadurch, dass Homo erectus das Feuer zähmen konnte, war die Auswanderung aus Afrika viel leichter. So konnte der Frühmensch auch kalte Gebiete erobern, Nahrung besser zubereiten und Großwild durchs Feuer jagen, um diese geräuchert zu essen.

Doch…
Man muss sich den Frühmenschen als ein Geschöpf vorstellen, welches in der Mitte der Nahrungskette steht. Jeder Löwe oder Tiger steht mindestens eine Stufe höher in dieser Nahrungskette. Somit konnten sich Jäger und Sammler lediglich an ein totes Tier anschleichen, nachdem die großen Beutegreifer und Aasfresser (Hyänen) gefressen haben.

Mit ihren Steinwerkzeugen schlugen sie die Knochen der Beutetiere auf und lutschten das Knochenmark heraus. Dies war oftmals das letzte bisschen vom essbaren Gewebe, welches die Frühmenschen vorfanden. Außerdem war das Knochenmark noch nicht von Maden, Käfern und anderen Ungeziefer befallen. Somit war Fleisch oftmals nicht vorhanden und ansonsten durch Krankheitserreger versetzt.

Nur das Räucherfleisch nach einem Großbrand war bekömmlich. Somit wurde gezielte Brandrodung zu einem Mittel, um Nahrung haltbar zu machen und gleichzeitig Fressfeinde loszuwerden.

Durch die Beherrschung des Feuers änderte sich grundlegend die Lebensweise und auch die Weltanschauung des Menschen. Plötzlich war der Mensch nicht mehr nur ein Mittelstück in der Nahrungskette, sondern stieg zum Spitzenprädator auf. Löwen und Tiger konnten mit Feuer abgewehrt werden oder es wurde ein ganzer Wald entzündet, um diese Beutegreifer zu erlegen.

Die Feuerherrschaft stellt die wohlmöglich größte Errungenschaft in der Menschheitsgeschichte dar. Denn damit wurde ihr die erste Schlüsseltechnologie in die Hand gegeben, um die Welt zu unterwerfen. Ein Tier – sei es ein Löwe oder ein Hai – ist beschränkt durch seine Muskelkraft, seine Anatomie und Physiologie.

Mit der Feuerherrschaft trat der Mensch aus dem Schatten der Tiere heraus und hatte Zugang zu einer grenzenlos einsetzbaren Technologie. Eine Frau mit einem Feuerstein bewaffnet, konnte in ein paar Stunden einen ganzen Wald abfackeln und somit ein ganzes Rudel von Wölfen, Großkatzen und anderen Raubtieren töten. Danach sammelte sie die geräucherten Überreste ein und versorgte damit sich und ihren Stamm.

Laut dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari hatte dieser spektakuläre Aufstieg enorme Folgen. Denn der Mensch hat sich nicht, wie jede andere Tierart in einem Ökosystem, über Jahrmillionen nach oben gebissen, sondern ihm fiel zufällig eine Schlüsseltechnologie zu, wodurch er „über Nacht“ zum Spitzenprädator aufstieg. Dadurch konnte sich die Menschheit niemals kognitiv darauf einstellen.

Alle Kriege, Katastrophen und selbst die Zerstörung der Umwelt sind darauf zurückzuführen, dass wir innerlich noch Beutetiere sind – welche allerdings durch die Technik zu Raubtieren erklärt wurden. Laut Harari sind Menschen kein Wolfsrudel, die durch einen unglücklichen Zufall an Panzer und Atombomben gekommen sind. Stattdessen ist die Menschheit vielmehr eine Schafsherde, welche dank einer Laune der Evolution lernte, wie man Panzer und Atombomben baut – ohne sich derer bewusst zu sein, was sie wirklich anrichtet. Denn bewaffnete Schafe sind gefährlicher als bewaffnete Wölfe – so Harari.

Mit dem Feuer änderte sich die Ernährung, Sozialleben und Kultur

Hatten die Vormenschen (Australopithecus und Co.) noch hauptsächlich pflanzliche Nahrung zu sich genommen, ist bereits beim Homo rudolfensis ein größerer Anteil an tierischer Kost nachgewiesen wurden.

Solche Rekonstruktionen sind möglich, da man Zähne von Früh- und Vormenschen untersucht. Anhand des Zahnschmelzes kann man verschiedene Isotope von Sauerstoff und Kohlenstoff ausmachen, wodurch das Nahrungsspektrum rekonstruierbar wird. Der Mensch wurde vom Pflanzenfresser zum Allesfresser.

Die neue Ernährungsgewohnheit veränderte das Gebiss. Denn das Gebiss eines Allesfressers braucht kleinere Zähne. Die typischen Mahlzähne eines Pflanzenfressers, wie ihn die Australopithecus und Nussknacker-Menschen hatten, fallen weg. Stattdessen besitzen die Backenzähne nun kleine Höcker, welche zum Zermalmen von pflanzlicher und tierischer Kost gleichermaßen geeignet ist.

Durch das Feuer erhielten die Frühmenschen auch Zugang zu einem größeren Nahrungsspektrum. So wurde Fleisch erhitzbar, wodurch Bakterien, Keime und andere Krankheitserreger durch das Garen abgetötet wurden. Außerdem wurde die Nahrung so auch bekömmlicher, leichter verdaulich und besser kaubar. Allein das Kauen sparte den Frühmenschen enorm viel Zeit gegenüber ihren direkten Verwandten.

Weiterhin war geräucherte Nahrung haltbar. Es konnten somit erstmals Vorräte angelegt werden, was zu weiteren Zeitersparnissen führt. Die Zeit, welche nun nicht mehr für das Jagen und Sammeln aufgebracht werden musste, konnten die Frühmenschen in Kultur, Religion und Zusammenleben investieren.

Über Homo heidelbergensis zum Neandertaler

Die Neandertaler (Homo neanderthalensis) entwickelten sich vor etwa 230.000 Jahren in Europa. Sie stammten aus einer Population von Homo erectus, welche vor 600.000 Jahren Afrika in Richtung Eurasien verließen. Diese Populationen häutete Tiere, beherrschten das Feuer, bearbeiten Stein und Holz. In Europa wurden diese Nachkömmlinge des Homo erectus zu Homo heidelbergensis.

Homo heidelbergensis

Singapur 23. Februar 2021: der Homo heidelbergensis. Replik nach dem Exemplar Broken Hill 1, „Rhodesian Man“, 1921 Sambia, Kabwe, im Lee Kong Chian Natural History Museum. Vor etwa 1,2 Millionen Jahren, Bildnachweis: Danny Ye / Shutterstock.com


Aus Homo heidelbergensis ging vor 230.000 Jahren, also rund 400.000 Jahre nach der Auswanderung, der Neandertaler hervor. Mittlerweile hatten diese Nachkommen auch die Sprachfähigkeit gelernt, bestatteten als erste Homini-Art ihre Toten, stellten Kleidung und Schmuckstücke her, betrieben Höhlenmalerei und waren zur Kultur fähig.
schädel neandertaler homo neanderthalenis

Schädel des Neandertalers (Homo neanderthalenis)

Der Neandertaler-Schädel war teilweise etwas größer als beim Homo sapiens, wodurch auch das Hirnvolumen mitunter größer war. (Andere Ergebnisse liefern gleichgroße Hirne und Schädel oder kleinere)

Man nimmt an, dass diese Hirngröße nötig war, um den stämmigeren Bewegungsapparat zu versorgen. Denn Neandertaler verfügten wohlmöglich über eine höhere Muskeldichte, welche zu höherer Muskelkraft führte. Das zeigen die Muskelansatzstellen an den gefundenen Knochen.

Die Achillessehne der Neandertaler war verkürzt gegenüber dem Jetztmenschen, was dazu führte, dass ihre Ausdauerleistung eingeschränkter war. Dass der spätere Homo sapiens als Ausdauerjäger agierte, wird diskutiert. Fakt ist allerdings, dass der Jetztmensch die einzige Tierart ist – welche beim Laufen seinen Herzschlag regulieren kann. Bei jedem Tier ist der Puls an den Schritt pro Zeiteinheit gekoppelt.

Weiterhin besitzt der Jetztmensch die meisten Schweißdrüsen im gesamten Tierreich, was ebenfalls für die Ausdauerleistung spricht. Ob die Ausdauer den Jetztmenschen tatsächlich besser anpassungsfähig machen sollte als den Neandertaler – ist umstritten.

Neandertaler lebten während der letzten Kaltzeit, welche vor 115.000 Jahren begann und vor 11.700 Jahren endete. Deren Ende sollte der Neandertaler allerdings nicht mehr erleben, da er aus unerklärlichen Gründen vor 30.000 Jahren ausstarb.

Der Siegeszug des Homo sapiens

In Afrika lässt sich Homo sapiens vor 300.000 Jahren erahnen, als er sich aus Homo erectus heraus entwickelte. Noch bezeichnet man ihn als altertümlichen oder archaischen Homo sapiens. Doch in Afrika tat sich erstmal eine ganze Weile nichts. Während der Neandertaler in Europa ganze Kunstwerke in Höhlenmalerei hervorbrachte, trat Homo sapiens in Afrika noch auf der Stelle.

Die Out-of-Africa-Theorie beschreibt, wie sich die Gattung Homo und somit auch der Homo sapiens von Afrika ausgehend, die ganze Welt besiedelte. Während der letzten Kaltzeit, vor etwa 100.000 Jahren, begann dann Homo sapiens über die Halbinsel Sinai im heutigen Ägypten in den Nahen Osten vorzudringen. Dann ging es weiter nach Zentralasien, deren Gebiete vor rund 70.000 Jahren erschlossen wurden. Eine andere Population folgte im Nahen Osten dem Mittelmeer und erreichte vor etwa 41.000 Jahren die Iberische Halbinsel in Europa.

globale Ausbreitung von Homo sapiens mit Jahreszahlen

Globale Ausbreitung des Homo sapiens von Afrika ausgehend mit Jahresangaben vor heute,

Die asiatische Population folgte dem Weg nach Süden, überquerte das Wasser nach Indonesien und erreichte schließlich auch Australien vor rund 50.000 Jahren. Der moderne Mensch ist die einzige Menschenart, welche bis Australien vordrang. Auch Amerika war bisher unbesiedelt. Über Asien gelangte Homo sapiens vor etwa 15.000 Jahren nach Nordamerika, breitete sich von dort ausgehend nach Süden aus.

In Asien trafen Homo sapiens auf Populationen ausgewanderter Homo erectus und in Europa auf den Neandertaler. Letztere löste der Homo sapiens etwa vor 35.000 bis 30.000 Jahren ab, als der Neandertaler auf unerklärliche Weise ausstarb. Die Populationen des Homo erectus in Asien gingen in andere Menschenarten über, weshalb der Aussterbezeitpunkt für den erectus nicht ermittelt werden kann.

Denisova-Menschen in Sibirien

Eine Population, welche dem Neandertaler und Homo sapiens nahestand, lebte auch in Sibirien (Nordasien, heute Russland).

Die genetische Nähe zum Neandertaler und Jetztmenschen ist hoch, weshalb man keine neue Menschenart einführen musste. Erstfunde der Denisova Gruppe stammen aus der Denissowa-Höhle, welche seit dem Jahr 2000 freigelegt wurden.

eingang zur denisova höhle

Eingang zur Denisova Höhle


Jene Denissowa-Menschen lebten vor 76.000 bis etwa 52.000 Jahren im Altai-Gebirge in Sibirien, bevor auch diese ausstarben. Doch zuvor breiteten diese sich auch bis nach Laos, China, Tibet und Ozeanien aus. Einige Berichte weisen sogar genetische Spuren der Denisova bei gefundenen Fossilien vom Homo heidelbergensis in Spanien nach.

Genfluss zwischen den Menschenarten

Bis in die 1970-er Jahre nahm man an, dass der moderne Mensch vom Neandertaler abstammen könnte. Als Bindeglied dieser beiden Arten wurde der Cro-Magnum-Mensch eingeführt, welcher sich zum heutigen Homo sapiens entwickeln sollte. Laut damaliger Auffassung war der Neandertaler so etwas wie eine Unterart des Homo sapiens und wurde auch als Homo sapiens neanderthalensis geführt. Und der Jetztmensch, als zweite Unterart, wurde als Homo sapiens sapiens bezeichnet.

Heute gilt dies als wiederlegt. Denn Neandertaler und Homo sapiens entwickelten sich unabhängig und parallel voneinander. Die Artnamen sind demnach auch überholt. Dennoch kam es zu einer Vermischung beider Menschenarten, da untereinander auch Fortpflanzung betrieben wurde.

Genanalysen ergaben, dass Asiaten, Europäer und Nordafrikaner zwischen 1 und 4 % Neandertaler-DNA enthalten. Auch zwischen Denisova-Menschen und Homo sapiens gab es einen Genfluss. Demnach besitzen die Ureinwohner Australiens, Bewohner von Neuguinea, Neukaledonien und der Salomonen einen Genanteil zwischen 4 und 6 %, welcher mit dem Genom der Denisova-Population übereinstimmt.

Literatur

  • Waltraud Sperlich (Autor), Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über die Steinzeit, ISBN: 978- 3806225389*
  • Yuval Noah Harari (Autor), Jürgen Neubauer (Übersetzer), Eine kurze Geschichte der Menschheit, ISBN: 978- 3570552698*
  • G. J. Sawyer (Autor), Viktor Deak (Autor), Esteban Sarmiento (Autor), Richard Milner (Autor), D. C. Johanson (Mitwirkende), M. Leakey (Mitwirkende), I. Tattersall (Mitwirkende), S. Vogel (Übersetzer), Der lange Weg zum Menschen: Lebensbilder aus 7 Millionen Jahren Evolution, ISBN: 978- 3827419156*

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